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JUNI 1999
UMSCHLAGBILD
Wie kann man jungen Menschen das Gefühl geben, daß sie
in der Kirche gebraucht werden und dort willkommen sind?
Siehe „Jungen Menschen das Gefühl geben, daß sie dazu-
gehören", Seite 42. Vorne: Foto ©Tony Stone Images.
Hinten: Foto von Richard M. Romney.
KINDERSTERN UMSCHLAGBILD
Zwei Kinder, die an der Wiederholung des Zuges der Pioniere
der Kirche nach Utah teilnehmen, zeigen ihre abgetragenen
Schuhe. Siehe „Neues von unseren Freunden", Seite 6. Foto
von Weiden C. Andersen.
SIEHE SEITE 8
MAGAZIN
2 BOTSCHAFT VON DER ERSTEN PRÄSIDENTSCHAFT: INSPIRIERENDE GEDANKEN
PRÄSIDENT GORDON B. HINCKLEY
8 VON EINER KÖNIGIN ERZOGEN JOAN PORTER FORD UND LARENE PORTER GAUNT
1 1 ER WIRD ERKENNEN, OB DIESE LEHRE VON GOTT STAMMT
ELDER KENNETH JOHNSON
1 6 SICH MITEINANDER VERABREDEN - ABER ZU HAUSE GEOK LEE THONG
22 „GUT - BIS AUF EINE SZENE" ANYA BATEMAN
25 BESUCHSLEHRBOTSCHAFT: SICH UM BEHERRSCHUNG BEMÜHEN
28 DIE ZWEITFAMILIE ELDER ROBERT E. WELLS
42 JUNGEN MENSCHEN DAS GEFÜHL GEBEN, DASS SIE DAZUGEHÖREN
BRAD WILCOX
48 IM BUS FING ALLES AN ERENY ROSA A. SILVA
FÜR JUNGE LEUTE
1 8 ICH HABE EINE FRAGE: WIE VERHINDERE ICH, DASS ICH BEIM BETEN IMMER
DAS GLEICHE SAGE?
26 DER TRAUM VOM DIENEN JOHN JAIRO BUSTAMANTE
36 DIE ANTWORT WAR ICH ELIZABETH QUACKENBUSH
38 „WIR WOLLEN DICH HIER NICHT" SAM UND CHRISTIE GILES
41 ICH PASSE EINFACH NICHT DAZU! JEANETTE WAITE BENNETT
KINDERSTERN
2 ERZÄHLUNG: SAMUELS HEILIGE SCHRIFT
4 DAS MITEINANDER: HALTET DIE GEBOTE
6 NEUES VON UNSEREN FREUNDEN
8 DAS MACHT SPASS: PIONIERE
1 DER KLEINE FORSCHER: DIE MORMONENTULPE GERALDINE T. FIELDING
12 VERSUCHEN, WIE JESUS ZU SEIN
UNSER ERSTES FAMILIENFASTEN LORENZO PRESENQA
DIE RICHTIGE ENTSCHEIDUNG JORDAN STANGIER
1 4 DAS TISCHGEBET FERN R. LAW
SHEILA KINDRED
SYDNEY S. REYNOLDS
SIEHE SEITE 42
v
I
JUNI 1 999 1 25. Jahrgang Nummer 6
DER STERN 99986 150
Offizielle deutschsprachige Veröffentlichung der Kirche
Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Die Erste Präsidentschaft:
Gordon B. Hinckley, Thomas S. Monson, James E. Faust
Das Kollegium der Zwölf:
Boyd K. Packer, L. Tom Perry, David B. Haight,
Neal A. Maxwell, Russell M. Nelson, Dallin H. Oaks,
M. Russell Ballard, Joseph B. Wirthlin, Richard G. Scott,
Robert D. Haies, Jeffrey R. Holland, Henry B. Eyring
Chefredakteur: Marlin K. Jensen
Redaktionsleitung: Jay E. Jensen, John M. Madsen
Abteilung Lehrplan:
Geschäffsführender Direktor: Ronald L. Knighton
Direktor Planung und Redaktion: Richard M. Romney
Direktor Künstlerische Gestaltung: Allan R. Loyborg
Redaktion:
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Assist. Geschäftsführender Redakteur: R. Val Johnson
Redakteur: Roger Terry
Co-Redakteurin: Jenifer Greenwood
Koordinatorin Redaktion/Produktion: Beth Dayley
Assistentin Veröffentlichungen: Konnie Shakespear
Redaktionsassistentin: Lanna J. Carter
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Manager Graphische Gestaltung: M. M. Kawasaki
Direktor Künsterische Gestaltung: Scott Van Kampen
Layout: Sharri Cook
Designer: Tadd R. Peterson
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Produktion: Reginald J. Christensen, Thomas S. Groberg,
Denise Kirby, Jason L. Mumford, Deena L. Sorenson
Digitale Prepress: Jeff Martin
Abonnements:
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Verantwortlich für Lokalteil:
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Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Industriestr. 21, D-61381 Friedrichsdorf
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DEM 21,00; ATS 147,00; CHF 21,00
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oder auf eines der folgenden Konten:
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CH Schweizerischer Bankverein, Birsfelden,
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Adressenänderung bitte einen Monat im voraus melden
Manuskripte und Anfragen: International Magazines,
50 East North Temple, Floor 25, Salt Lake City, UT
84150-3223, USA; or e-mail to CUR-Liahona-
IMag@ldschurch.org
Die Internationale Zeitschrift der Kirche, deutsch
Der Stern, erscheint auf albanisch, bulgarisch, cebuano,
chinesisch, dänisch, deutsch, englisch, estnisch,
fidschi, finnisch, französisch, japanisch, kiribati,
koreanisch, lettisch, litauisch, norwegisch, polnisch,
portugiesisch, rumänisch, russisch, samoanisch,
spanisch, schwedisch, tagalog, tahitisch, thai, tongaisch,
tschechisch, ungarisch, ukrainisch und vietnamesisch.
(Erscheinen variert nach Sprache.)
© 1999 by Intellectual Reserve, Inc. All rights reserved.
Printed in the United States of America.
For Readers in the United States and Canada:
June 1999 vol. 125 no. 6. DER STERN (ISSN 1044-
338X) is published monthly by The Church of Jesus Christ
of Latter-day Saints, 50 East North Temple, Salt Lake City,
UT 84150. USA subscription price is $10.00 per year;
Canada, $f 5.50. Periodicals Postage Paid at Salt Lake
City, Utah. Sixty days' notice required for change of
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Salt Lake City, UT 84 126-0368.
LESERBRIEFE
DIE LIEBE DER MITGLIEDER
Seit ich begonnen habe, den Liahona
(koreanisch) zu lesen, fühle ich mich stark
genug, alle Probleme zu bewältigen. In
dieser Zeitschrift sind viele wunderbare
Artikel enthalten, aus denen ich mehr
über den Herrn erfahre. Außerdem
betrachte ich meine Brüder und
Schwestern in der Kirche mit anderen
Augen. Ich spüre ihren Mut, und das
macht mich sehr glücklich. Die Zeitschrift
der Kirche läßt mich spüren, daß die
übrigen Mitglieder mich lieben und sich
um mich sorgen.
Was materielle Güter betrifft, bin ich
eher als arm zu bezeichnen, aber ich besitze
das Evangelium. Und immer wenn ich mir
das Umschlagbild der Juliausgabe 1998
anschaue, spüre ich, daß der Geist des
Herrn in meiner Nähe ist.
Jong Yoon Mo,
Zweig Young Do,
Distrikt Pusan-West, Korea
DER KINDERSTERN
Uns ist aufgefallen, daß der Kinderstern
(deutsch) durch Heftklammern mit der
Zeitschrift Der Stern verbunden ist. Viele
Mitglieder mit Kindern haben festgestellt,
daß dies ziemlich unpraktisch ist. Die
Kinder arbeiten zu Hause und in der PV mit
dem Kinderstem, während die Jugendlichen
und die Erwachsenen die Zeitschrift Der
Stern im Unterricht brauchen und für
Ansprachen sowie für das Heim- und
Besuchslehren nutzen. Wenn beides
gleichzeitig gebraucht wird, muß der
Kinderstem vorsichtig herausgetrennt und
dann wieder irgendwie zusammengeheftet
werden. Wenn die Seiten nicht herausge-
nommen werden, haben die Kinder viel
weniger Lust, den Kinderstern zu lesen,
denn er befindet sich ja mitten zwischen
den Artikeln für junge Leute und für
Erwachsene. Dort findet ein Kind den
Kinderstem nur schwerlich. Wir arbeiten
fast jeden Tag mit diesem hervorragenden
Hilfsmittel und hoffen, daß für die Kinder
künftig einfacher wird, den Kinderstern
herauszunehmen.
Christian und Rahel Graub,
Gemeinde Altstetten,
Pfahl Zürich, Schweiz
Anmerkung des Herausgebers: Wir
möchten unsere Zeitschrift für Leser aller
Altersstufen so leicht zugänglich und
nutzbar machen wie nur möglich. Deshalb
werden die Seiten für die Kinder - beginnend
mit der Juniausgabe 1 999 - mit einem spezi-
ellen Klebeband zusammengehalten. Der
Kinderstern ist zwar noch immer in die
Mitte der Zeitschrift geheftet, wird jedoch
nach dem Entfernen weiterhin durch das
Klebeband zusammengehalten. Wir hoffen,
daß die Seiten für die Kinder nun - unab-
hängig von der restlichen Zeitschrift -
leichter gelesen und genutzt werden können.
Wir bitten unsere Leser, uns Ihre Kritiken
und Vorschläge bezüglich unserer Zeitschrift
zukommen zu lassen. Senden Sie Ihre Briefe,
Artikel und Anregungen bitte an International
Magazine, 50 East North Temple Street, Floor
25, Salt Lake City, UT 84150-3223, USA.
JUNI 1999
1
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V.
BOTSCHAFT VON DER ERSTEN PRÄSIDENTSCHAFT
Inspirierende
Gedanken
Präsident Gordon B. Hinckley
DIE KIRCHE
„Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist einzigartig in der
Welt. Sie wurde hervorgebracht, indem Gott, der ewige Vater, und der aufer-
standene Herr Jesus Christus einem Jungen erschienen, dessen Sinn nicht von
den Lehren anderer Kirchen und weltlichen Anschauungen vernebelt war.
Sein Sinn war rein. Sein Geist war klar. Und er konnte die Offenbarungen
annehmen, die ihm vom Allmächtigen zuteil wurden. Und so wurden ihm
nach der ersten Vision, von der Sie hoffentlich alle gelesen haben, weitere
Kundgebungen der Macht Gottes zuteil - das Buch Mormon, ein weiterer
Zeuge für Jesus Christus, und das heilige Priestertum, durch das jedem
würdigen Mann die Vollmacht zuteil wird, im Namen Gottes zu sprechen. Auf
der ganzen Erde gibt es nichts, was mit dieser Kirche vergleichbar wäre." 1
„Der Herr erwartet Großes
von seinem Volk. Und wir
gehören zu seinem Volk. . . .
Er erwartet von uns, daß
wir ihn lieben, daß wir ihn
verehren und daß wir
seinen Willen tun."
DIE HEILIGEN DER LETZTEN TAGE SIND CHRISTEN
„Die größte Irrmeinung ist wohl, daß wir keine Anhänger Jesu Christi
wären. Dieser Vorwurf wird immer wieder gegen uns erhoben. Dabei ist er
völlig haltlos. Wenn es auf der Welt ein Volk gibt, das an Jesus Christus glaubt,
JUNI 1999
3
dann sind das die Mitglieder unserer Kirche. Die Kirche
trägt seinen Namen. Er ist der Mittelpunkt dessen, was
wir verehren. Diese Irrmeinung ist immer wieder
verkündet und verbreitet worden, aber beginnt jetzt doch
abzubröckeln. Die Zeiten ändern sich; heute werden wir
eher akzeptiert als früher. Ich glaube, für die Kirche ist
sozusagen das Zeitalter des Wohlwollens angebrochen." 2
DIE ABENDMAHLSVERSAMMLUNG
„Ist es nicht eine wundervolle Segnung, jede Woche das
Abendmahl nehmen zu dürfen? Ist es nicht herrlich, in die
Abendmahlsversammlung gehen und dort das Abendmahl
nehmen zu dürfen, nämlich die Symbole für das Opfer
unseres Herrn, Jesus Christus, und für das große Sühnopfer,
das er gebracht hat und das es uns ermöglicht, über das
Grab hinaus in eine herrliche Zukunft zu schreiten?
Hoffentlich gehen wir alle zur Abendmahlsversammlung.
Hoffentlich ist uns allen bewußt, was für eine Möglichkeit
uns dies bietet und was für eine große Segnung es ist." 3
DIE AUFGABEN DES EHEMANNES
„Ihr verheirateten Männer habt die große Aufgabe,
ein guter Mensch, ein guter Ehemann zu sein! Ihr dürft
eure Frau niemals mißhandeln! Ihr dürft eure Kinder
niemals mißhandeln! Ihr müßt sie vielmehr in den Arm
nehmen und ihnen das Gefühl geben, daß ihr sie liebt,
schätzt und achtet. Seid ein guter Ehemann! Seid ein
guter Vater! Vergeßt niemals, daß ihr nur Hand in Hand
mit eurer Frau in den höchsten Grad der Herrlichkeit des
celestialen Reiches eingehen könnt. Das gelingt euch
nicht allein. Wenn ihr es schafft, dann nur gemeinsam.
Eure Frau ist eine Tochter Gottes, so wie ihr ein Sohn
Gottes seid, und sie verdient das Allerbeste, was ihr
schenken könnt. Liebt und schätzt die Frau, die ihr
geheiratet habt, und seid ihr treu." 4
DER ZEHNTE
„Als ich ein kleiner Junge war, gingen wir - Vater,
Mutter und alle Kinder - jedes Jahr im Dezember den
Bischof besuchen. Der Bischof hatte kein Büro im
Gemeindehaus. Wir mußten zu ihm nach Hause gehen.
Und dann rief er uns alle einzeln in sein Büro und
besprach mit uns, wieviel Zehnten wir gezahlt hatten und
wieviel wir zahlen wollten. Für uns Kinder war der Betrag
nur klein. Ich glaube, es hat mehr gekostet, den Betrag zu
verwalten, als er eingebracht hat. Aber es hat etwas in uns
bewirkt. Schon als wir noch ganz klein waren, standen wir
auf den Zehntenlisten der Kirche, und seitdem ist es uns
niemals schwergefallen, den Zehnten zu zahlen." 5
IHR JUGENDLICHEN, SEID GETREU
„Ihr Jungen, die ihr das Aaronische Priestertum tragt,
und ihr Mädchen, die ihr zur großen Schar der Jungen
Damen in der Kirche gehört; ihr alle, die ihr das
Seminar- und das Institutsprogramm besucht - bleibt
dem Glauben treu. Laßt euch durch nichts davon
abhalten, ein treues Mitglieder der Kirche zu sein! Seid
rechtschaffen und ehrlich! Kniet euch nieder und
sprecht jeden Abend und jeden Morgen ein Gebet. Bittet
den himmlischen Vater, über euch zu wachen und euch
zu führen, euch zu leiten und euch zu segnen. Laßt euch
nicht in unsittliches Verhalten verwickeln. Die
Versuchung mag vielleicht groß sein, aber Unsittlichkeit
wird euch vernichten, und zwar im wahrsten Sinne des
Wortes. Ich brauche euch nicht zu sagen, was falsch ist.
Das wißt ihr alle selbst. Jeder von euch weiß auch, was
richtig ist. Wählt das Rechte!" 6
AUSBILDUNG
„Es ist so wichtig, daß ihr jungen Menschen euch die
bestmögliche Ausbildung gönnt. Der Herr hat klar und
deutlich gesagt, daß sein Volk sich Wissen von Ländern
und Reichen und allem, was die Welt betrifft, aneignen
muß, und zwar durch Lerneifer und durch Glauben.
Eure Ausbildung ist der Schlüssel zu eurer Zukunft. Sie
ist es wert, daß ihr dafür Opfer bringt. Sie ist es wert,
daß ihr euch anstrengt, und wenn ihr euren Sinn und
eure Hände schult, könnt ihr einen wichtigen Beitrag
DER
STERN
4
für die Gesellschaft leisten, der ihr ja angehört.
Außerdem macht ihr damit der Kirche Ehre, deren
Mitglied ihr seid. Meine lieben jungen Brüder und
Schwester, nutzt jede Gelegenheit, euch weiterzubilden.
Liebe Väter und Mütter, spornt eure Söhne und
Töchter an, eine gute Ausbildung zu machen, die ihnen
später im Leben hilft." 7
EIN RAT AN DIE MISSIONARE
„Sie verbreiten die gute Nachricht des Evangeliums.
Das, was Sie zu verkündigen haben, ist gut. Es ist dazu
bestimmt, Menschen glücklich zu machen und ihnen ein
schöneres Leben zu ermöglichen. Sie müssen ein Lächeln
aufsetzen und hinausgehen, um das Werk zu tun, das der
Herr Ihnen aufgetragen hat. Dann wird er Sie segnen.
Und die Kraft, die das Leben als Missionar Ihnen
schenkt, ist wie ein heller Stern in Ihrem Leben. Ihre
Mission ist die Zeit, an die Sie Ihr ganzes Leben lang
„Meine lieben jungen Brüder und
Schwester, nutzt jede Gelegenheit,
euch weiterzubilden. Liebe Väter und
Mütter, spornt eure Söhne und Töchter
an, eine gute Ausbildung zu machen,
die ihnen später im Leben hilft."
J U N
19 9 9
voller Wertschätzung und Dankbarkeit zurückdenken
werden. Sie sind nur für kurze Zeit auf Mission; machen
Sie deshalb das Beste daraus!" 8
FREUNDLICH SEIN
Es gab in der Kirche einmal eine Generalautorität,
einen Bruder namens Joseph Anderson, der älter wurde
als jede andere Generalautorität der Kirche. Er wurde
102 Jahre alt. Joseph Anderson war viele Jahre lang
Präsident Heber J. Grants Privatsekretär. Eines Tages
erlitt Präsident Grant einen Schlaganfall und war
danach sehr krank. Joseph Anderson ging ihn eines
Abends besuchen, und Präsident Grant sagte zu ihm:
Joseph, war ich jemals unfreundlich zu Ihnen?' Joseph
Anderson antwortete: ,Nein, Präsident Grant, Sie waren
niemals unfreundlich zu mir.' Da sagte Präsident Grant
unter Tränen: Joseph, ich bin froh, daß ich niemals
unfreundlich zu Ihnen war.' Am nächsten Tag starb er.
Ist es nicht herrlich, daß ein Mensch, der so viele Jahre
mit einem anderen zusammengearbeitet hatte, sagen
konnte, daß sein Vorgesetzter niemals unfreundlich zu
ihm gewesen war?" 9
NEUBEKEHRTE IN IHRER ENTWICKLUNG FÖRDERN
„Ich möchte Sie alle dringend bitten, sich um dieje-
nigen zu kümmern, die frisch getauft sind. Die Missionare
unterweisen sie im Evangelium, aber es ist Ihre Chance
und auch Ihre Aufgabe, sie in den Arm zu nehmen, ihnen
ein Freund zu sein, ihre Fragen zu beantworten und ihnen
zu helfen, wenn Schwierigkeiten auftreten. Es ist nicht
leicht, sich der Kirche anzuschließen. Wer sich bekehrt,
muß sich von seinen alten Freunden und Bekannten
lossagen, alles Unreine aus seinem Leben verbannen und
Mitglied der Kirche werden. Er braucht Hilfe. Er braucht
Freunde. Er braucht eine Aufgabe, und Sie - ob alt oder
jung, ob Mann oder Frau, ob Junge oder Mädchen -
haben die Chance, darauf zu achten, daß jeder, der
getauft und Mitglied der Kirche wird, im Glauben
wächst. Und ich glaube daran, daß der Herr uns zur
Verantwortung ziehen wird, wenn wir uns dieser Aufgabe
nicht stellen." 10
WAS DER HERR ERWARTET
„Der Herr erwartet Großes von seinem Volk. Und wir
gehören zu seinem Volk. Fast jeder, der heute hier anwe-
send ist, ist ins Wasser der Taufe hinabgestiegen, um
Vergebung für seine Sünden zu finden. Er ist im Wasser
begraben worden und hat dadurch sozusagen den alten
Menschen abgelegt und ist als neuer Mensch aus dem
Wasser hervorgekommen. Seine Sünden waren ihm
vergeben, und er war bereit, das zu tun, was der Herr von
ihm erwartet. Doch was erwartet der Herr denn nun von
uns? Was hat er uns geboten? Was sollen wir tun? Er
erwartet von uns, daß wir gute Menschen sind - ehrliche
Menschen, lautere Menschen, gläubige Menschen, gute
Menschen. Das ist seine wichtigste Lehre, nämlich daß
wir vollkommen werden sollen, so wie er vollkommen ist.
Das erwartet er unter anderem von allen, die Mitglieder
seiner Kirche und seines Reiches geworden sind. Er
erwartet von uns, daß wir ihn lieben, daß wir ihn
verehren und daß wir seinen Willen tun. ,Du sollst den
Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit
ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das
wichtigste und erste Gebot.' (Matthäus 22:37, 38.) Das
sind keine leeren Worte! Hier sagt der Herr, was er von
uns erwartet - nämlich daß wir ihn lieben und seinem
Beispiel nacheifern." 11 □
FUSSNOTEN
1. Versammlung, Praia, Säo Tiago, Kapverdische Inseln,
22. Februar 1998.
2. Interview mit Chuck Henry vom Radiosender KNBC,
Los Angeles, Kalifornien, 7. März 1997.
3. Regionalkonferenz, Ciudad Juärez, Mexiko, 15. März 1998.
4. Regionalkonferenz, Priestertumsführerschaftsversammlung,
Ciudad Juärez, Mexiko, 14. März 1998.
5. Fireside, Quito, Ekuador, 12. August 1997.
6. Versammlung, Puebla, Mexiko, 9. November 1997.
7. Versammlung, Hermosillo, Mexiko, 9. März 1998.
DER STERN
8. Versammlung, Accra, Ghana, 16. Februar 1998.
9. Regionalkonferenz, Priestertumsführerschaftsversammlung,
Port Harcourt, Nigeria, 14. Februar 1998.
10. Versammlung, Leon, Mexiko, 11. März 1998.
11. Versammlung, Las Palmas, Kanarische Inseln, 13. Februar
1998.
FÜR DIE HEIMLEHRER
1. „Und was sie, bewegt vom Heiligen Geist, reden
werden", hat der Herr über die Wort seiner Knechte
gesagt, „soll heilige Schrift sein, soll der Wille des Herrn
sein, soll der Sinn des Herrn sein, soll das Wort des Herrn
sein, soll die Stimme des Herrn und die Kraft Gottes zur
Errettung sein." (LuB 68:4.)
2. Suchen Sie aus den hier abgedruckten Zitaten
gebeterfüllt diejenigen heraus, die den Brüdern und
Schwestern und den Familien, die Sie besuchen, Kraft
und Hilfe geben könnten.
„Sie [Missionare] verbreiten die
gute Nachricht des Evangeliums.
Das, was Sie zu verkündigen
haben, ist gut. Es ist dazu
bestimmt, Menschen glücklich zu
machen und ihnen ein schöneres
Leben zu ermöglichen. Sie müssen
ein Lächeln aufsetzen und hinaus-
gehen, um das Werk zu tun, das
der Herr Ihnen aufgetragen hat.
Dann wird er Sie segnen."
JUNI 1999
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VON EINER
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KONIGIN
ERZOGEN
Joan Porter Ford und LaRene Porter Gaunt
Srilaksanaa „Sri" Suntarahut
wurde am 4. Juli 1924 im
thailändischen Bangkok
geboren. Ihr Vater war Leibarzt der
königlichen Prinzessin, und ihre
Mutter war eine Freundin Ihrer
Majestät Königin Intharasaksajis. Sri
und ihre Angehörigen besuchten die
Königin oft im Königspalast. Als Sri
sechs Jahre alt war, bat die Königin
darum, sie erziehen zu dürfen. Die
Familie erklärte sich unter der
Voraussetzung einverstanden, daß
Sri ihre Angehörigen so oft sehen
konnte, wie sie wollte.
Die Königin liebte Sri wie ihre
eigene Tochter. „Ich schlief im
Schlafzimmer der Königin auf einer
Matratze vor ihrem Bett", erzählt
Schwester Sri. „Weil es an den
Fenstern keine Schutznetze gab,
waren die Betten mit einem großen
Seidennetz verhüllt. Jeden Morgen
stand ich mit der Königin auf, klei-
dete mich an, nahm mein Frühstück
zu mir und las ihr vor. Nach dem
Frühstück ging ich in eine Schule, an
der europäische Nonnen unter-
richten. Dort durfte ich nur Englisch
sprechen. Nach der Schule ging ich
wieder in den Palast zurück, nahm
gemeinsam mit der Königin ein Mahl
ein und las ihr erneut vor. Acht Jahre
JUNI
lang ging das so. So bekam ich eine
bessere Ausbildung als viele, die
sogar ein Universitätsdiplom haben."
In der Schule schaute Sri oft die
englische Bibel an. „Etwas in
meinem Innern sagte: Eines Tages
mußt du diese Bibel lesen", erzählt
Schwester Sri. „Doch in unserer
Familie war es Sitte, daß die Kinder
die Landesreligion beibehielten."
Sri blieb bei der Königin, bis sie
siebzehn Jahre alt war. Dann ging sie
auf die Universität in Chulalongkorn.
Weil sie ausgezeichnete Fremdspra-
chenkenntnisse besaß, arbeitetete
sie nach dem Ersten Weltkrieg für
hohe Regierungsbeamte als Finanzse-
kretärin.
Als die Missionare Larry White
und Carl Hansen Sri im Jahre 1968
kennenlernten, was sie verheiratet
und hatte Kinder. „Zuerst mochte
ich die Missionare nicht besonders",
erzählt Schwester Sri. „Aber sie
kamen immer wieder. Drei Monate
lang ließ ich das Buch Mormon im
Regal liegen. Doch eines Abends
beschloß ich, es mir anzusehen. Ich
nahm es auf und betete: ,Wenn es in
diesem Buch etwas Gutes für mich
gibt, dann laß es mich bitte wissen.'
Ich schlug das Buch Mormon auf
und las so lange, bis ich nicht mehr
19 9 9
Links: Srilaksanaa „Sri"
Suntarahut. Hintergrund:
Thailändische Architektur
in Nahaufnahme. Oben:
Der Königspalast in
Bangkok. Unten: Die
thailändische Ausgabe
des Buches Mormon.
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weiterlesen konnte. Die Tränen
stiegen mir in die Augen. Dann
drückte ich das Buch fest an meine
Brust. Kurz danach ging ich hinauf in
mein Zimmer und schloß die Tür.
Zum ersten Mal im Leben kniete ich
nieder und sprach ein Gebet. Ich
weinte und rief: ,Vater, mein Vater.'
Ich wußte, daß er mich hören
konnte. Ich betete und weinte lange.
Dann erhob ich mich und fing
wieder an, ohne Unterbrechung zu
lesen." Sri und zwei ihrer Kinder
ließen sich am 4. Juli 1968, ihrem 44.
Geburtstag, taufen.
Die Ausbildung, die Sri am
Königshof genossen hatte, ermög-
lichte es ihr nicht nur, das Buch
Mormon in englischer Sprache zu
lesen, sondern befähigte sie auch,
eine wichtige Rolle bei der Überset-
zung des Buches ins Thailändische
zu spielen. Die Übersetzungsarbeiten
begannen 1970, und Sri wurde zur
Leiterin des Übersetzungskomitees
berufen. Das Projekt war 1974 abge-
schlossen. 1976 wurde die thailändi-
sche Ausgabe des Buches Mormon
veröffentlicht.
„Die Anfertigung dieser Überset-
zung hat mir soviel geistige Kraft
geschenkt", erzählt Schwester Sri.
„Ich liebe den himmlischen Vater so
sehr dafür, daß er mir die Gabe der
Zungen und der Sprache geschenkt
hat."
1975 - Schwester Sri wartete
noch auf die Freigabe der Überset-
zung des Buches Mormon - begann
sie mit der Übersetzung des Buches
,Lehre und Bündnisse*. Die übrigen
Mitglieder des Übersetzungskomitees
Ganz oben: Einige der zweihundert
Mitglieder aus Thailand, die im
Juni 1 990 die erste Reise zum
Manila-Tempel auf den Philippinen
unternahmen. Oben: Thailändische
Architektur in Nahaufnahme.
gaben ihre Berufung aus verschie-
denen Gründen auf. Nun war
Schwester Sri die wichtigste Säule
der Übersetzungsarbeit. Während
des Tages ging sie ihrer Arbeit nach,
und wenn sie nach Hause kam,
fühlte sie sich gedrängt, weiter an der
Übersetzung zu arbeiten. Oft arbei-
tete sie bis spät in die Nacht und
fertigte eine grobe Übersetzung so
vieler Verse wie nur möglich an, die
dann während der täglichen Sitzung
des Übersetzungskomitees bespro-
chen werden konnte. Einmal nahm
sie mit anderen Mitgliedern an einem
Säuberungsprojekt teil. Nachdem
alle mehrere Stunden lang ange-
strengt gearbeitet hatten, meinten
die anderen, Sri solle nach Hause
gehen und sich ausruhen. Doch Sri
sagte, sie ruhe sich doch bereits aus,
denn wenn sie nach Hause ginge,
würde sie sich doch nur wieder
gedrängt fühlen, an der Übersetzung
zu arbeiten, und dann könne sie
nicht schlafen. Die Übersetzung des
Buches ,Lehre und Bündnisse' war
1979 abgeschlossen.
Ehe die Königin 1974 starb, ging
Sri sie im Krankenhaus besuchen.
Alle Hofdamen saßen ihrem Rang
entsprechend auf dem Boden vor
dem Bett der Königin. „Als ich
eintrat, richtete sich die Königin, die
große Schmerzen hatte, etwas auf, um
mich zu sehen", erzählt Schwester Sri.
„Sie sagte: ,Komm her.' Ich trat an ihr
Bett. Sie sagte: ,Ich habe dich immer
noch lieb.' Ich werde der Königin
immer dankbar sein. Aufgrund
dessen, was ich in den Jahren an
ihrem Hof gelernt hatte, konnte ich
das Buch Mormon lesen und das
Evangelium annehmen. Sie ermög-
lichte es mir, richtig Thailändisch zu
schreiben und sprechen - und in
diese Sprache wurden dann ja auch
das Buch Mormon und das Buch
,Lehre und Bündnisse' übersetzt." D
DER STERN
10
I)
äfi '* '*'
/
2^
5L 1]
ER WIRD ERKENNEN, OB DIESE
LEHRE VON GOTT STAMMT
Eider Kenneth Johnson
von den Siebzigern
ILLUSTRATION VON BRAD TEARE
>
Nur wenn wir den Willen des Herrn tun,
können wir mit Gewißheit den ewigen
Wert der Evangeliumsgrundsätze
erkennen.
Yor einigen Jahren kam ein Klient zu
mir, der meinen Rat als Anwalt suchte.
Er schilderte mir, was für Geschäfte /.
er betrieb - unter anderem verkaufte er
zusammen mit seinem Vater gebrauchte
Möbel und Haushaltsgegenstände. Die beiden
besuchten Auktionen und Flohmärkte und
entrümpelten Haushalte, um sich ihre Waren zu
beschaffen. Sie achteten immer sehr darauf, daß
sie mit dem Wiederverkauf mehr Geld einnahmen,
als die Ware gekostet hatte.
Einmal hatte der Sohn sich vertraglich
verpflichtet, nach dem Tod eines älteren
Menschen dessen Haus auszuräumen. In
einem Raum hing ein Gemälde. Er
betrachtete es näher und träumte dabei
davon, eines Tages ein antikes Bild
oder ein Bild zu entdecken, dessen
wirklicher Wert dem Besitzer nicht
bekannt war. Dieses Bild gehörte
seiner Meinung nach allerdings nicht >
in diese Kategorie; er hängte es
ab, brachte es zu seinem
Wagen und legte es zu den /y/''i ti
übrigen Gegenständen, ///ff'- fjl
Vh
i
ü
Als
er spater mit
seinem Vater den
Wagen entlud, nahm
dieser das Bild in die
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Willi
Hand, betrachtete es sorgfältig und sagte dann: „Ich
wünschte, ich würde mich mit Bildern und deren
Bewertung besser auskennen." Der Sohn meinte, er sei
sicher, daß dieses Bild nicht besonders wertvoll sei.
Trotzdem meinte der Vater, sie sollten es lieber schätzen
lassen, und zwar von einem Freund, der eine
Kunsthandlung besaß.
Mehrere Tage später erklärte der Freund des
Vaters, das Bild sei mindestens
dreißigtausend Dollar wert (und das
war Anfang der siebziger Jahre).
Vater und Sohn waren beide sehr
aufgeregt und fuhren in die
Kunsthandlung, um das Bild
abzuholen. Dieses Mal wickelten
sie es vorsichtig in eine Decke.
Der Sohn hielt es gut fest, bis sie
wieder im Geschäft angekommen
waren. Später verkauften sie das
Gemälde auf einer Auktion für etwas
mehr als den Schätzpreis.
Als mein Klient mir diese
Geschichte erzählt hatte, sagte er
noch: „Ich kann beim besten Willen
nicht verstehen, warum jemand bereit
ist, so viel Geld für ein ganz gewöhnli-
ches Bild auszugeben."
Wenn wir an den Früchten des
Evangeliums teilhaben möchten, müssen
wir auch bereit sein, das Samenkorn zu
pflanzen und den Glauben an den Tag zu
legen, es durch Gehorsam in seiner
Entwicklung zu fördern.
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Ich habe oft über dieses Erlebnis und die Reaktion des
jungen Mannes nachgedacht. Er interessierte sich nicht
für das Gemälde. Seiner Meinung nach war es nicht
j) besonders wertvoll.
Wie schätzen wir den Wert ein, den das Evangelium in
unserem Leben hat? Ist uns wirklich bewußt, wie tief wir in
der Schuld des Erretters stehen? Wenn ich mir diese Frage
I stelle, sinne ich oft über die heilige Schrift nach. Habe ich
die gleichen Beweggründe wie die Menschen, von denen
im Johannesevangelium erzählt wird und die Jesus suchten,
nachdem er auf wundersame Weise fünftausend Menschen
mit fünf Broten und zwei Fischen gespeist hatte:
„Als die Leute sahen, daß weder Jesus noch seine
Jünger dort waren, stiegen sie in die Boote, fuhren nach
Kafarnaum und suchten Jesus.
Als sie ihn am anderen Ufer des Sees fanden, fragten
sie ihn: Rabbi, wann bist du hierher
gekommen?" (Johannes 6:24,25.)
Doch Jesus hielt ihnen vor
Augen, daß sie ihn nicht
deshalb suchten, weil sie
/ Zeichen gesehen hatten,
sondern weil sie von den
Broten gegessen hatten und
satt geworden waren.
Ist das nicht so ähnlich wie
in der Geschichte vom jungen ^1
Mann und dem Gemälde? Viele
Zeitgenossen des Erretters, die
sein irdisches Wirken erlebten,
hatten nur eine oberflächliche
Vorstellung davon, was er tat
und wer er war. Dies wird an
einem anderen Ereignis deut-
lich, das sich nach der Speisung
der Fünftausend zutrug:
„Jesus kam in seine
Heimatstadt und lehrte die
Menschen dort in der
Synagoge. Da staunten alle
und sagten: Woher hat er
diese Weisheit und die
Kraft, Wunder zu tun? ^
Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht
seine Mutter Maria, und sind nicht Jakobus, Josef, Simon
und Judas seine Brüder?
Leben nicht alle seine Schwestern unter uns? Woher
also hat er das alles?" (Matthäus 13:54-56.)
Daraus kann man wohl entnehmen, daß viele
Menschen, die mit Jesus zusammenkamen, wohl aner-
kannten, daß er große Wunder wirkte und ein hervorra-
gender Lehrer war, ihn aber nicht als Sohn Gottes
ansahen.
Wie aber kann man nun zur richtigen Erkenntnis
vordringen? Meiner Meinung nach ist die Antwort auf
diese Frage in den Worten zu finden, die der Erretter an
die Juden richtete: „Wer bereit ist, den Willen Gottes zu
tun, wird erkennen, ob diese Lehre von Gott
stammt." (Johannes 7:17.)
Ich bin dankbar dafür, daß ich in einem
Elternhaus aufgewachsen bin, wo christ-
liche Ideale gelehrt und gelebt wurden,
obwohl uns die Kenntnis von der
Wiederherstellung des Evangeliums
fehlte. Als ich später aufgefordert wurde, mich
mit der Botschaft der Kirche Jesu Christi der
Heiligen der Letzten Tage auseinanderzu-
setzen, mußte ich mich intensiv mit jeder
neuen Lehre auseinandersetzen, was oft dazu
führte, daß ich meine Lebensweise änderte.
Wenn wir das Samenkorn des
Glaubens gepflanzt haben,
müssen wir weiterhin nach
dem Wort des
t Herrn leben.
Wenn wir das
tun, erleben
wir, wie die
Früchte des
Gehorsam in
unserem Leben
sichtbar werden.
Doch solche Änderungen kamen nicht aufgrund eines
passiven Glaubens oder einer rein intellektuellen
Zustimmung zustande. Der Knackpunkt lag daran, etwas
zu tun und Glauben zu üben. Und als ich neue
Evangeliumsgrundsätze kennenlernte und auf die Probe
stellte, gelangte ich unweigerlich zu der Erkenntnis, daß
sie wahr waren.
Dies möchte ich am Beispiel des Gesetzes des Fastens
deutlich machen. Meine Eltern unterstützten mich sehr,
als ich mit ihnen über Einzelheiten des sich in mir
entwickelnden neuen Glaubens sprach. Doch als ich
ihnen erklärte, daß ich den Wunsch hatte, an einem
vierundzwanzig Stunden dauernden Fasten teilzu-
nehmen, wurde meine Mutter sehr besorgt. Sie war
entsetzt und fand mein Vorhaben unzumutbar.
Unnachgiebig erklärte sie mir, daß sie es nicht zulassen
werde, daß ich in ihrem Haus fastete, denn sie habe
Angst, ich könnte mir damit gesundheitlich schaden.
Irgendwie erleichtert erzählte ich Pamela, die mich
mit dem Evangelium bekanntgemacht hatte, von den
Einwänden meiner Mutter und erklärte ihr, daß ich nun
leider nicht mitfasten könne. Doch ohne zu zögern hielt
Pamela mir entgegen: „Das Problem läßt sich doch leicht
lösen. Wir richten es so ein, daß du am Wochenende bei
uns bleibst. Da kannst du dann mit uns fasten."
So also bin ich mit dem Gesetz des Fastens bekannt
geworden. Und indem ich dieses Gesetz an jedem Fasttag
gehalten habe, ist mir nach und nach ein Zeugnis vom
Prinzip des Fastens zuteil geworden.
Präsident Heber J. Grant hat oft erklärt: „Wenn man
etwas immer wieder tut, fällt es einem zunehmend
leichter. Das liegt aber nicht daran, daß sich die Aufgabe
geändert hätte, sondern daran, daß unsere Fähigkeit, sie
zu erfüllen, zugenommen hat." (Bryant S. Hinckley,
Heber J. Grant: Highlights in the Life of a Great Leader,
1951, Seite 49.)
Jeder neue wahre Grundsatz, den wir in unserem Leben
wirksam werden lassen, trägt das Zeugnis in sich, daß er
wirklich wahr ist und von Gott stammt. Präsident Brigham
Young hat das folgendermaßen erklärt: „Jeder Grundsatz
nämlich, den Gott offenbart, überzeugt den menschlichen
Verstand selbst davon, daß er wahr ist." (Lehren der
Präsidenten der Kirche: Brigham Young, Seite 72.)
Ich kann mich noch gut an einen Sonntagnachmittag
im Juli 1959 erinnern. Pamela und ich gingen spazieren
und unterhielten uns dabei. Ich dachte darüber nach, ob
ich mich taufen lassen und dadurch Mitglied der Kirche
werden solle. Pamela sagte: „Ich kann mich nicht erin-
nern, daß die Missionare mit dir über den Zehnten
gesprochen hätten."
„Was ist denn dieser Zehnte?", fragte ich.
Pamela erwiderte, daß die Mitglieder zehn Prozent
ihrer Einkünfte spenden, um damit ein Gesetz Gottes zu
erfüllen und ihrer Dankbarkeit für alles Ausdruck zu
verleihen, was der himmlische Vater ihnen geschenkt
habe.
Es war bisher nicht oft vorgekommen, daß ich vor
Schreck fast ohnmächtig geworden wäre, aber dieses Mal
wäre es fast soweit gewesen. „Zehn Prozent!", wieder-
holte ich. „Das ist doch unmöglich. Ich könnte es mir
niemals leisten, den Zehnten zu zahlen!"
Doch Pamela hielt mir ruhig entgegen: „Mein Vater
kann es. Er hat eine Frau und vier Kinder, und er
verdient weniger als du." Dann erwähnte sie noch eine
weitere Familie im Zweig, die ich kennengelernt hatte,
und erklärte mir, daß auch diese Familie weniger Geld
hatte als ich und sechs Kinder ernähren mußte. Das
erwies sich für mich als Herausforderung. Ich dachte:
Wenn die das schaffen, dann schaffe ich das auch.
Elf Jahre später wurde mein Entschluß, dieses Gesetz
zu halten, auf eine sehr harte Probe gestellt. Dabei wurde
mir bewußt, daß ich durch das Zehntenzahlen großen
Glauben entwickelt hatte. Für mich ging es dabei nicht
mehr einfach nur ums Geld. Ich habe die Probe
bestanden und an meinem Glauben festgehalten. Dafür
wurde ich gesegnet. (Siehe Maleachi 3:10.)
Ehe ich das wiederhergestellte Evangelium kennen-
lernte, verbrachte ich viel Zeit mit Footballspielen, unter
anderem auch am Sabbat. Obwohl ich als Kind gelernt
hatte, den Tag des Herrn zu achten, ist mir doch erst
später, als ich die Kirche kennengelernt und den
Grundsatz der Sabbatheiligung befolgt habe, die wirk-
liche Bedeutung dieser Lehre und der damit verbun-
denen Segnungen bewußt geworden. Zu den wichtigen
Opfern, die ich vor meiner Bekehrung bringen mußte,
gehörte auch der Rückzug aus der Footballmannschaft,
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deren Spiele am Sonntag stattfanden. So lernte ich den
Wert des Evangeliums schätzen.
Als drei Jahre später die Bauarbeiten am
Gemeindehaus in Norwich in England begannen, zog ich
mich auch aus der Footballmannschaft zurück, die nur
samstags spielte, um Zeit für das Bauprojekt zu haben.
Der Nebel des Egoismus, der mein Blickfeld bisher einge-
i schränkt hatte, begann sich zu lichten, und nun begann
sich vor meinen Augen ein neues, umfassenderes
Blickfeld auszubreiten, das mich das Leben besser
schätzen und lieben ließ.
Diese Wandlung im Innern erklärte der Erretter den
Juden. Wir finden seine Worte in Johannes 8:31, 32:
„Wenn ihr in meinem Wort bleibt [und damit ist wohl
gemeint, daß wir so leben sollen, wie er es gelehrt hat],
seid ihr wirklich meine Jünger.
Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die
Wahrheit wird euch befreien."
Hier wird deutlich, wie eng Handeln und Wissen
miteinander verknüpft sind.
Ich finde, Evangeliumsgrundsätze anzuwenden und zu
erkennen ist so ähnlich, wie regelmäßig ins Fitneß-
Studio zu gehen. Wenn man regelmäßig trainiert, ist man
sich des damit verbundenen Nutzens unter Umständen
gar nicht so deutlich bewußt. Doch wenn man einmal
aufgrund einer Krankheit, einer Verletzung oder der
eigenen Lustlosigkeit eine Zeitlang nicht trainiert, merkt
man schnell, wie schwer es ist, die alte Kondition wieder-
zuerlangen. Manche verlieren dann so sehr den Mut,
daß sie sich gar nicht mehr weiterbemühen, sondern sich
mit weniger zufriedengeben.
Das gilt unter Umständen auch für das Leben
in Übereinstimmung mit den Grundsätzen des
Evangeliums. Die Vorteile sind vielleicht nicht immer
deutlich sichtbar, und das kann dazu führen, daß jemand
die Lehre in Frage stellt, den Glauben verliert und die
Aktivität in der Kirche aufgibt. Doch wer den Weg
zurück zu geistiger „Fitneß" schafft, merkt in der Regel,
wieviel mehr ihm das Evangelium nun bedeutet. Andere
wiederum fallen völlig vom Glauben ab und kehren dem
Herrn den Rücken.
Denjenigen, die das Wort der Weisheit halten
und „in ihrem Wandel den Geboten gehorchen", gilt
die folgende Verheißung: „Gesundheit werden sie
empfangen in ihrem Nabel und Mark für ihr Gebein."
Die Ermahnung, „diese Worte zu befolgen und zu tun
und in ihrem Wandel den Geboten" zu gehorchen, ist in
diesem Zusammenhang ganz wichtig (siehe LuB 89:18).
Im 19. Vers wird auf eine weitere Ebene hingewiesen,
die nicht nur mit dem Wort der Weisheit zu tun hat. Hier
finden wir den Schlüssel und das Bindeglied zwischen
Handeln und Wissen: „Weisheit und große Schätze der
Erkenntnis werden sie finden, ja, verborgene Schätze."
Es gibt sicher Lehren, die sich nicht so einfach auf die
Probe stellen lassen. Dennoch bin ich davon überzeugt,
daß wir den Errettungsplan nur dann verstehen und
auch nur dann Gewißheit über die Segnungen erlangen,
die das Sühnopfer des Erretters uns ermöglicht, wenn wir
die Evangeliumsgrundsätze treu befolgen.
Es gibt noch einen weiteren wahren Grundsatz, was den
Zusammenhang von Handeln (den Geboten gehorchen
bzw. sie befolgen) und Wissen (die Wahrheit des
Evangeliums dadurch erkennen, daß man es anwendet)
betrifft. Dieser Grundsatz hat etwas damit zu tun, wie der
Herr unser Herz und unseren Sinn auf die Probe stellt, was
unsere neugewonnene Erkenntnis betrifft. Dies tut er,
damit sich die Wahrheit des Evangeliums unserer Seele
gewissermaßen unauslöschlich einprägt, nämlich dadurch,
daß wir eine Prüfung bestehen. So werden unser Verstand
und unser Herz noch reiner gemacht - beinahe so rein wie
Gold. Nach den Prüfungen kommt die innere Gewißheit.
So wies der Herr den Mormon beispielsweise an,
bestimmte Passagen, die uns in den Letzten Tagen zuteil
werden sollten, nicht auf die Platten zu gravieren, da es
ratsam sei, „daß sie es zuerst haben, um ihren Glauben zu
prüfen - und wenn sie daran glauben, dann wird ihnen
auch das Größere kundgetan werden" (3 Nephi 26:9).
Die Geschichte von Ijob ist die Geschichte eines
Mannes, der auf diese Art und Weise Erfahrungen
gemacht hat. Ihm wurde alles genommen, was ihm wohl
kostbar war. Doch indem er sich in dieser Zeit der Prüfung
seine Rechtschaffenheit bewahrte, entdeckte er etwas
noch viel Kostbareres: Gott „kennt den Weg, den ich gehe;
prüfte er mich, ich ginge wie Gold hervor" (Ijob 23:10).
Das Zeugnis vom wiederhergestellten Evangelium
ist wie ein Stück Stoff - Gotteslehre und ewige
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Nur diejenigen, die den vorgeschriebenen
Weg gehen, nämlich nach dem Evangelium
leben, können seine Wahrheit entdecken und
sich des Lohns erfreuen. Es gibt keine andere
Möglichkeit, die Fähigkeiten der Menschenseele
vollständig zu entwickeln.
Grundsätze sind miteinander verwoben und formen
so ein Bild unendlicher Schönheit, das aber nur
diejenigen, die den vorgeschriebenen Weg gehen,
nämlich nach dem Evangelium leben, in seiner
Wahrheit entdecken können. Es gibt keine andere
Möglichkeit, die Fähigkeiten der Menschenseele
vollständig zu entwickeln.
4
Wenn wir den Willen des Herrn tun, können wir
wirklich erkennen, ob die Lehre wahr ist, und wenn
unser Glaube und unser Vertrauen geprüft worden
sind, dann gehen unsere innere Erkenntnis - und
auch wir selbst - daraus „wie Gold hervor". D
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Geok Lee Thong
ILLUSTRATION VON ALLEN GARNS
n Malaysia ist die Vorstellung, sich nach der
Eheschließung mit seinem Partner zu verabreden
und miteinander auszugehen, nahezu unbe-
_ kannt. Mein Mann und ich haben diesen Rat
zum erstenmal in Büchern und Zeitschriften
gefunden, die wir von amerikanischen
Mitgliedern bekommen hatten, die unserem
Zweig in Kuala Lumpur angehörten. Als
man uns sagte, wie positiv es sich auf ein
Ehepaar auswirke, wenn es auch nach der
Eheschließung noch umeinander werbe,
beschlossen wir, diese „ausländische" Idee
einmal auszuprobieren.
Zuerst hatten wir auch keine Schwierigkeiten
damit, einen Abend gemeinsam zu verbringen,
denn wir hatten ja noch keine Kinder, um die
wir uns Gedanken machen mußten. Doch als
dann unsere Kinder eins nach dem anderen
geboren wurden, mußten wir nach neuen
Möglichkeiten suchen, uns miteinander zu verab-
reden. Weil es ziemlich schwierig ist, jemanden zu
finden, der abends die Kinder hütet, verabredeten wir
uns eben oft zu Hause, wenn die Kinder im Bett
waren. Solche Verabredungen stehen unseren gele-
gentlichen Abenden außer Haus in nichts nach.
Wir haben vieles gefunden, was wir gerne zusammen
tun. Manchmal schauen wir uns ein Video an,
essen dabei Kartoffelchips und trinken dazu Limonade,
so wie wir es auch im Kino machen würden.
An anderen Abenden machen wir Computer- oder
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Brettspiele. An solchen Abenden gibt es immer viel zu
lachen.
Eine Aktivität machen wir inzwischen, regelmäßig:
wir kleben Fotos unserer Familie auf große Poster.
Später rahmen wir die Poster und hängen sie entlang
der Treppe auf. Inzwischen haben wir schon so viele
Poster, daß wir sie von Zeit zu Zeit austauschen. Die
Abende, die wir mit der Herstellung der Poster
verbringen, sind nicht nur produktiv, sondern
lassen uns auch in liebevollen, sentimentalen
Erinnerungen schweifen.
Am Valentinstag habe ich einmal ein
Abendessen im Kerzenschein für uns beide
zubereitet. Im Hintergrund spielte leise
Musik, und es war richtig romantisch.
Unsere regelmäßigen Verabredungen haben
die Romantik in unserer Ehe gefördert.
Die Liste der Aktivitäten, die wir während
unserer Verabredungen zu Hause machen,
wird immer länger. Wir haben festgestellt,
daß es dabei in erster Linie darum geht,
Möglichkeiten zu finden, wie man Zusam-
mensein und sich die Zeit nehmen kann,
einander zu erbauen und fördern. Nach einem
schwierigen, anstrengenden Tag freue ich mich
auf vinsere Verabredungen, wo wir einfach nur
miteinander reden.
Mein Mann und ich haben festgestellt, daß
diese „ausländische" Idee unserer Ehe sehr gut
bekommt. □
ICH HABE EINE FRAGE
Wie vermeide ich, daß ich
beim Beten immer das
gleiche sage?
Ich bin dankbar für alle Segnungen, die mir zuteil geworden sind, aber wenn ich
sie beim Beten aufzähle, komme ich mir vor wie eine Maschine, die jeden Tag
das gleiche sagt. Wie kann ich vermeiden, daß ich beim Beten immer das gleiche
sage?
Die Antworten sollen Hilfe und Ausblick geben, sind aber nicht als offizielle Lehre der Kirche
zu verstehen.
JESUS KNIEND UND NACHDENKLICH IM GEBET BEGRIFFEN, GEMÄLDE
VON MICHAEL J. NELSON
UNSERE ANTWORT
Für uns Kinder des himmli-
schen Vaters gibt es kaum
etwas Wichtigeres als das
Beten. Das ist die Art und Weise, auf
die wir mit ihm in Verbindung treten
sollen. Beten ist eine Form der
Gottesverehrung. Beim Beten gibt
man seiner Dankbarkeit Ausdruck,
bittet um Führung und um
Segnungen und fleht um Antworten.
In der Kirche gibt es drei Gebete,
deren Wortlaut festgelegt ist - das
Taufgebet bei der ersten Verordnung,
die für die Errettung notwendig ist,
und die beiden Abendmahlsgebete,
durch die wir unser Taufbündnis
erneuern. Ansonsten formulieren
wir unsere Gebete selbst, und zwar
unabhängig davon, ob wir allein oder
mit einer Gruppe beten. Hier kommt
es darauf an, das zu sagen, was dem
Anlaß entspricht und was der Geist
uns eingibt.
Allerdings gewöhnen wir uns oft
an, immer die gleichen Wörter und
Ausdrücke zu verwenden, fast ohne
nachzudenken. Und genau da liegt
das Problem. Wenn man nicht
darüber nachdenkt, was man sagt,
kann das Gebet bedeutungslos
werden. Allerdings bemißt sich
Aufrichtigkeit beim Beten auch
nicht daran, daß man jedesmal
verschiedene Wörter und Ausdrücke
verwendet. Aufrichtigkeit hat etwas
mit der inneren Einstellung und dem
Sehnen des Geistes zu tun.
Jesus Christus hat uns gezeigt, wie
man betet, nämlich in einfachen,
ausdrucksvollen Worten. Er hat
davor gewarnt, nur deshalb zu beten,
damit andere es sehen. Außerdem
hat er uns ermahnt, auf „unnütze
Wiederholungen" zu verzichten, also
auf alles, was man immer wieder
sagt, ohne innerlich daran beteiligt
zu sein. (Siehe Matthäus 6:5-8; 3
Nephi 13:5-8.)
In der heiligen Schrift finden wir
weitere Weisungen zum Beten. Im
Buch Mormon fordert Amulek uns
auf: „Ruft ihn an, wenn ihr auf
euren Feldern seid, ja, für alle eure
Herden.
Ruft ihn an in euren Häusern, ja,
für euer ganzes Haus, morgens,
mittags und abends —
Aber dies ist nicht alles; ihr müßt
eure Seele in euren Kammern und
an euren heimlichen Plätzen und in
eurer Wildnis ausschütten.
Ja, und wenn ihr den Herrn nicht
anruft, so laßt euer Herz voll sein,
ständig im Gebet zu ihm begriffen für
euer Wohlergehen und auch für das
Wohlergehen derer, die um euch
sind." (Alma 34:20, 21, 26, 27.)
Der Herr möchte, daß wir über
alles beten, was uns Sorgen bereitet.
Ja, er hat uns sogar geboten, „immer"
zu beten (siehe 2 Nephi 32:9).
Dazu gehört auch, daß man nicht
vergißt, dem Herrn ständig dankbar
zu sein. Wenn wir dem himmlischen
Vater für die Segnungen danken, die
er uns geschenkt hat, fällt es uns
leichter, uns auf ihn als Quell der
Güte zu konzentrieren; außerdem
empfinden wir mehr Glück, wenn
wir uns bewußt machen, welche
Segnungen uns zuteil geworden
sind. Es gibt sicher viele Segnungen,
für die du dem himmlischen Vater
regelmäßig danken möchtest. Und
wenn du das aus aufrichtiger
Dankbarkeit heraus tust und nicht
nur aus Gewohnheit, dann macht es
auch nichts aus, daß du jeden Tag
teilweise die gleichen Segnungen
aufzählst.
Doch wenn du dich dabei ertappst,
daß du beim Beten gedankenlos eine
DER
STERN
18
auswendig gelernte Liste herunterlei-
erst, dann ist es an der Zeit, einmal
darüber nachzudenken, warum du
überhaupt betest.
Wenn dein Beten also zur Routine
geworden ist, dann probier doch
einmal die folgenden Vorschläge
unserer Leser aus:
• Stell dir bildlich vor, du würdest
mit dem Vater sprechen.
• Denk vor dem Beten kurz
darüber nach, warum du betest und
was du sagen möchtest.
• Sag dem Herrn, warum du für
bestimmte Segnungen dankbar bist.
• Bitte ihn um konkrete Hilfe bei
konkreten Problemen.
• Vergiß nie, darum zu beten,
daß Gottes Wille geschehen möge.
Was du erbittest, wird sich tagtäg-
lich nicht sehr voneinander unter-
scheiden, aber wenn du einmal über
das nachdenkst, was du brauchst, und
über die Segnungen, die du dir
wünscht, und wenn du dem Herrn für
alles dankst, was er dir geschenkt hat,
dann bist du auf dem besten Weg,
sinnreicher und effektiver zu beten.
ANTWORTEN UNSERER LESER
Es gab einmal eine Zeit, wo ich
Gebete heruntergeleiert und mich
innerlich leer gefühlt habe, so als ober
der himmlische Vater mir überhaupt
nicht zuhören würde. Doch das
änderte sich, als ich anfing, mit wirk-
lichem Vorsatz zu beten, und dem
himmlischen Vater alles sagte, was
ich empfand. Beim Beten denke ich
daran, wie sehr er mich doch liebt.
Jorge Andres Alzate,
Gemeinde Las Palmas,
Pfahl Neiva, Kolumbien
Unsere Gebete mögen zwar
manchmal gleich lauten, aber darauf
kommt es gar nicht an, solange wir
aufrichtig und voller Glauben beten.
Jesus hat gesagt: „Wenn ihr in mir
bleibt und wenn meine Worte in
euch bleiben, dann bittet ihr um
alles, was ihr wollt: Ihr werdet es
erhalten." (Johannes 15:7.)
Sherrie S. Campos,
Zweig Maasin,
Distrikt Maasin, Philippinen
Wenn wir für die Segnungen
danken, die uns zuteil geworden
sind, dann dürfen wir auch nicht
vergessen, für das Beten selbst zu
danken, denn dadurch können wir ja
mit dem himmlischen Vater in
Verbindung treten.
Marianne R. Garcia,
Gemeinde lmus,
Pfahl Cavite, Philippinen
Wenn wir in der heiligen Schrift
lesen und darüber nachsinnen, sind
wir beim Beten geistiger gesinnt.
Wenn wir über die Macht Gottes
nachdenken, beten wir nicht immer
das gleiche, sondern sagen das, was
in unserem Herzen ist.
Mariele Paredez Märquez,
Gemeinde Ciudad Real,
Pfahl Villa Hermosa,
Guatemala-Stadt, Guatemala
Obwohl wir im Grunde jeden Tag
die gleichen Aufgaben zu erledigen
haben, machen wir doch immer
wieder neue Erfahrungen, die uns
helfen, Fortschritt zu machen. Wenn
wir über die Ereignisse des Tages
nachdenken, wird uns bewußt, daß
JUNI 1999
19
Jorge Andres Alzate
Sherrie S. Campos
Marianne R. Garcia
Mariela Paredez Märquez
Anthony L.
Silberie
Daisy Raquel
Salazar Saravia
Tagiilima Sauia
Rossana Mara
Correia
El sie D. Bisig
Joe/ de Rosario
Dela Cruz
Marcelo Leiva
es immer wieder etwas Neues gibt,
was wir beim Beten sagen und wofür
wir dankbar sein können.
Missionarin Natsuko Sekiguchi,
Neuseeland-Mission Auckland
Immer, wenn ich zum himmli-
sehen Vater bete, versuche ich, mit
ihm über das zu sprechen, worüber
ich auch mit meinem irdischen Vater
sprechen würde. Ich versuche auch,
mich beim Beten nicht sklavisch an
die vorgeschriebenen Schritte zu
halten, sondern öffne dem himmli-
schen Vater mein Herz und sage ihm,
was ich fühle. Ich spreche so mit ihm,
als ob er neben mir stünde. Auf diese
Weise ist es mir gelungen, beim Beten
nicht immer das gleiche zu sagen.
Missionar Rodrigo Cesar Gabo,
Brasilien-Mission Porto Alegre-Süd
Wir müssen uns einmal vor
Augen halten, daß uns hier auf der
Erde unterschiedliche Arten von
Segnungen zuteil werden: allgemeine
Segnungen, derer sich jeder Mensch
erfreut; bestimmte Segnungen, die
uns aufgrund gebeterfüllten Bittens
geschenkt werden; und zusätzliche
Segnungen, um die wir uns nicht
bemüht haben, die der Herr aber für
sinnvoll hält. Da es so viel gibt, wofür
wir dankbar sein können, müssen wir
nicht jeden Tag das gleiche sagen.
Außerdem reicht es nicht, dem
himmlischen Vater beim Beten
nur für all die Segnungen zu
danken, die er uns schenkt. Wir
können auch darum bitten, daß
andere Menschen gesegnet werden,
beispielsweise mit Nahrung, Obdach,
Heilung, Bekehrung, Versöhnung
und ähnlichem. Außerdem müssen
wir um Vergebung für unsere
Schwächen beten und für alles, was
wir sonst noch brauchen.
Lynda Andriamisamakda,
Zweig Antananarivo 4,
Distrikt Antananarivo, Madagaskar
Als ich klein war, habe ich gelernt,
wie man aufrichtiger und abwechs-
lungsreicher betet, indem ich
nämlich zugehört habe, was meine
Angehörigen beim Beten sagten.
Meiner Meinung nach kommt ein
aufrichtiges Gebet aus dem Herzen -
und es ist völlig gleichgültig, wie oft
man das gleiche sagt.
Tagiilima Sauia,
Gemeinde Mapusaga l ,
Pfahl Pago Pago, Mapusaga, Samoa
Wir müssen dem Herrn nicht
nur für die unzähligen Segnungen
danken, derer wir uns erfreuen,
sondern auch unser Herz öffnen und
ihm sagen, wie sehr wir ihn lieben. Er
liebt uns und freut sich, wenn wir ihm
sagen, daß auch wir ihn lieben. Wer
mit aufrichtigem Vorsatz Dankgebete
spricht, braucht keine Angst zu
haben, daß der Herr ihn für einen
Plapperer hält.
Elisabetta Marangon,
Zweig Treviso,
Pfahl Venedig, Italien
Wenn Gott nicht müde wird,
mein Beten zu erhören, dann darf
auch ich nicht müde werden, ihm
immer wieder das gleiche zu sagen.
Selbst wenn ich beim Beten fast
immer das gleiche sage, hört er mir
doch zu, wenn er weiß, daß mir die
DER
STERN
20
Worte aus dem Herzen kommen. Ich
finde, das ist besser, als wenn ich
meine Dankbarkeit ihm gegenüber
überhaupt nicht in Worte fasse.
Joel de Rosario Dela Cruz,
Zweig Bustos,
Pfahl Malohs, Philippinen
Der Erretter hat uns erklärt, wie
wir beten sollen (siehe Matthäus
6:5-13). Zuerst müssen wir für die
Segnungen danken, die uns zuteil
geworden sind, und danach um das
bitten, was wir jeden Tag brauchen.
Der Herr hat auch gesagt:
„Du aber geh in deine Kammer,
wenn du betest, und schließ die Tür
zu; dann bete zu deinem Vater, der
im Verborgenen ist. Dein Vater, der
auch das Verborgene sieht, wird es
dir vergelten —
Denn euer Vater weiß, was ihr
braucht, noch ehe ihr ihn bittet."
(Matthäus 6:6, 8.)
Anthony L. Silberie,
Zweig Rotterdam 2,
Pfahl Rotterdam, Niederlande
Wenn du den himmlischen Vater
suchst, wirst du merken, daß er
niemals aufgehört hat, dir zuzuhören.
Wenn du dein Herz öffnest und
voller Glauben bittet, ist er immer da,
selbst wenn du wiederholt das gleiche
betest.
Er weiß alles, und er kennt unsere
Ängste und Sorgen. Dennoch ist er
immer bereit, uns zuzuhören, und
wartet nur darauf, daß wir ihn
anrufen.
Daisy Raquel Salazar Saravia,
Zweig Chinandega,
Distrikt Chinandega, Nicaragua
Im Buch Mormon finden wir ein
eindrucksvolles Beispiel zürn Thema
Beten, und zwar in dem, was Enos
erlebt hat. Er schrieb: „Meine Seele
hungerte; und ich kniete vor meinem
Schöpfer nieder und schrie zu ihm in
machtvollem Gebet und voll Flehen
für meine Seele." (Enos 1:4.)
Enos hatte ein besonderes
Anliegen, so wie wir alle ein beson-
deres Anliegen haben. Wenn wir uns
beim Denken vom Geist fuhren lassen,
können wir jeden Tag ein inbrünstiges
Gebet sprechen. Und in dem Maße,
wie unser Glaube zunimmt, spüren
auch wir - wie der Prophet Enos -, daß
der Herr unser Beten nicht nur hört,
sondern auch erhört.
Missionarin Rossana Mara Correia,
Brasilien-Mission Belem
Heute ist nicht wie gestern, und
morgen ist nicht wie heute. Das
bedeutet, daß es jeden Tag etwas
Neues gibt, wofür wir dankbar sein
können.
Ich glaube, daß der himmlische
Vater sich freut, wenn ich so zu ihm
bete, als ob ich mit einer Freundin
über Vertrauliches spräche. Ich
danke ihm für alle Segnungen und
Prüfungen, die mir jeden Tag zuteil
werden, bete um Vergebung für
meine Schwächen und bitte ihn um
Hilfe, damit ich es am nächsten Tag
besser machen kann.
Elsie D. Bisig,
Gemeinde Las<Pinas 2,
Pfahl Las Pinas, Philippinen
Ich bemühe mich beim Beten
immer, daran zu denken, zu wem ich
spreche, und danke dem himmlischen
JUNI 1999
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Vater für jede einzelne Segnung, die
er mir schenkt, und für jede einzelne
Erfahrung, die ich machen darf. Das
gilt nicht nur für Tagesereignisse,
sondern auch für alles, was von
ewiger Bedeutung ist. Morgens sage
ich ihm, was ich vorhabe, und
abends erzähle ich ihm, was ich
gemacht habe, und danke ihm für
seine Hilfe.
Missionar Marcelo Leiva,
Chile-Mission Osomo
Ihr könnt dazu beitragen, daß der
Artikel „ICH HABE EINE FRAGE"
anderen hilft, indem ihr die untenstehende
Frage beantwortet. Bitte schickt eure
Antwort bis zum l. August 1999 an
folgende Adresse: QUESTIONS AND
ANSWERS; International Magazines,
50 East North Temple Street, Salt Lake
City, UT 84150-3223, USA. Ihr könnt
uns auch per E-mail erreichen unter
CUR-Liahona-IMAG @ldschurch.org.
Ihr könnt in eurer Muttersprache und mit
der Maschine oder in Druckbuchstaben
schreiben. Damit euer Beitrag abgedruckt
werden kann, muß er euren vollständigen
Namen, eure Adresse, eure Gemeinde
bzw. euren Zweig und euren Pfahl bzw.
Distrikt enthalten. Schickt möglichst auch
ein Foto von euch mit, das allerdings
nicht zurückgeschickt wird. Wir werden
dann eine repräsentative Auswahl veröf-
fentlichen.
FRAGE: Es fällt mir schwer, mich im
Sonntagsschulunterricht zu konzen-
trieren. Irgendwie kommtes mir vor, als
ob im Unterricht immer wieder das
gleiche behandelt wird. Was kann ich
tun, damit ich besser mitarbeite und mich
mehr für die Lektionen interessiere? D
Ich hätte mir niemals
träumen lassen, daß
meine Stimme gehört
wird und etwas bewirken
kann, was anstößige
Fernsehsendungen
angeht.
Anya Bateman
FOTOS VON STEVE BUNDERSON;
SZENE NACHGESTELLT
Eins meiner Kinder schaltete
eine beliebte Kindersendung
im Fernsehen an, und schon
bald war eine Szene zu sehen, die
mich tief beunruhigte.
„Igitt", sagte mein Elfjähriger.
„Das war wirklich eklig."
„Ja, das ist richtig", stimmte ich
zu. Ich überlegte, ob ich den Sender
anrufen und sagen sollte, was wir
davon hielten. Macht es wirklich
etwas aus, wenn ich mich beschwere?,
überlegte ich. So viele bekannte
Sendungen enthalten Szenen, die für
Kinder ungeeignet sind - und
eigentlich auch für Erwachsene.
Aber diese bestimmte Szene kam mir
besonders schlimm vor.
Ich rief also den regionalen Sender
an, wo ich die Telefonnummer der
überregionalen Redaktion bekam.
Nachdem man mich mehrere Male
weiterverbunden hatte, geriet ich
schließlich an jemanden, der an der
Produktion der Sendung beteiligt war.
Ich beschwerte mich bei ihm und
erklärte ihm auch, wie mein Kind
reagiert hatte. Außerdem sagte ich:
„Und wenn sonst niemand angerufen
hat, dann liegt das bestimmt daran,
daß die anderen Zuschauer ebenso
empfinden wie ich - nämlich daß es
nichts nützt."
„Um Ihnen die Wahrheit zu
sagen", entgegnete der Mann, „ich
habe mit den Autoren über diese
Szene diskutiert, aber sie bestanden
darauf, sie auszustrahlen, um die
Reaktion der Zuschauer zu testen.
Mir war klar, daß es vielen
Menschen so gehen würde wie
Ihnen, aber es gibt nur wenige, die
anrufen oder uns schreiben. Sagen
Sie Ihren Freunden und Nachbarn,
daß sie sich mit uns in Verbindung
setzen sollen!"
Als ich wieder aufgelegt hatte,
mußte ich an den 13. Glaubensartikel
denken: „Wenn es etwas Tugendhaftes
oder Liebenswertes gibt, wenn etwas
guten Klang hat oder lobenswert ist, so
trachten wir danach." Mir wurde
bewußt, daß ich etwas bewirken kann,
indem ich aufmerksamer bin und sage,
was mir nicht gefällt. Und das gilt
nicht nur für Unterhaltungsangebote,
sondern auch für meine Umwelt.
Als erstes mußte ich jedoch meine
Einstellung ändern. Mir fiel der Satz
ein: „Gut - bis auf eine Szene." Ich
hatte diesen Satz schon oft gehört,
wenn Leute sich über einen Film
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Im 13. Glaubensartikel
steht, worauf wir bei der
Wahl von Unterhaltungs-
angeboten achten
müssen: „Wenn es etwas
Tugendhaftes oder
Liebenswertes gibt, wenn
etwas guten Klang hat
oder lobenswert ist, so
trachten wir danach."
oder andere Unterhaltungsangebote
unterhielten. Damit sagt man doch
im Grunde, daß man über das
Schlechte hinwegsehen kann, wenn
das Produkt insgesamt gut ist.
Mir ist jedoch aufgefallen, daß
immer mehr „eklige" Szenen in an
sich gute Programme eingebaut
werden. Dabei würde doch niemand
tolerieren, wenn andere Produkte
teilweise verseucht wären. Würde
jemand ein Hähnchen essen, das
„lecker" schmeckt, wenn man von
den Salmonellen einmal absieht?
Ich nahm mir vor, mich zukünftig
vorher über einen Film oder eine
Fernsehsendung zu informieren und
nicht hinterher. Und selbst dann
verlasse ich das Kino oder schalte den
Fernseher ab, wenn mich ein ungutes
Gefühl beschleicht. Das war zwar
nicht einfach, aber immer in höch-
stem Maße lohnend. Nun kann ich
den Geist des Herrn besser spüren,
weil mir keine unguten Bilder den
Sinn vernebeln.
Wenn mich etwas stört, dann
gehe ich nicht länger darüber
hinweg, sondern informiere jemanden
darüber. Natürlich weiß ich oft
nicht, was meine Anrufe und
Briefe bewirken. Doch es ist
auch schon vorgekommen, daß
sich das Ergebnis fast unmittelbar
gezeigt hat.
Ich hatte mich schon einige Zeit
darüber geärgert, daß im Supermarkt
genau vor der Kasse Zeitschriften
mit anstößigem Titelbild so aufge-
baut waren, daß jeder sie sehen
mußte. Als ich eines Tages vom
Einkaufen nach Hause kam, rief ich
den Geschäftsführer an und erklärte
ihm, daß ich zwar gerne in seinem
Geschäft einkaufen würde, jedoch
daran Anstoß nähme, daß
Zeitschriften mit freizügigem
Titelbild für jeden sichtbar
DER
aufgebaut seien. Als ich das nächste
Mal dort einkaufte, nahm ich erfreut
zur Kenntnis, daß die Zeitschriften in
eine Ecke gerückt worden waren, wo
sie weniger auffielen.
Meine Erfahrungen haben auch
anderen Menschen Mut gemacht,
sich gegen solches Material auszu-
sprechen. Eine Freundin vertraute
mir an, daß es ihrer Tochter peinlich
sei, das Kostüm ihrer Tanzgruppe
tragen zu müssen. Sie hatte sogar
gesehen, wie manche Zuschauer
während des Auftritts ihrer Gruppe
weggesehen hatten. Ich schlug
meiner Freundin vor, sie solle ihrer
Tochter Mut machen, mit der
Tanzlehrerin darüber zu sprechen.
Das tat sie auch. Wir waren beide
sehr erfreut, als die Tanzlehrerin
Kostüme bestellte, die die Darbietung
zukünftig eher unterstrichen, anstatt
davon abzulenken,
Es ist auch wichtig, daß wir
Stellung nehmen, wenn es etwas
Positives und Erbauliches gibt. Eines
Abends sah sich unsere ganze
Familie eine Fernsehsendung an, die
allen gut gefiel. Während der ganzen
Sendung hatte es auch nicht das
Geringste gegeben, was ein ungutes
Gefühl in uns hinterlassen hätte. Ich
schrieb den Produzenten und
erklärte ihnen, wie sehr uns ihre
Sendung gefallen habe. Wer zum
Guten in unserer Gesellschaft
beiträgt, verdient unseren Dank.
Ich bin dankbar, daß der Geist mir
weiterhin eingibt, mich um die
Unterhaltungsangebote zu kümmern,
für die meine Familie sich
entscheidet, und darauf zu achten,
daß alles mit dem Geist des
Evangeliums in Übereinstimmung
steht. Ich weiß jetzt, daß niemand
etwas tolerieren muß, was ihm ein
„ekliges" Gefühl vermittelt. Wir
können wirklich etwas bewirken! □
STERN
24
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ERZAHLUNG
Samuels heilige Schrift
Sheila Kindred
Beeil dich, Jared, sonst kommen wir zu spät zur
Kirche", rief Mutter von unten. Jared rannte die
Treppe hinunter und stürzte aus der Haustür,
aber dann fiel ihm plötzlich ein, daß er für die PV ja
seine heiligen Schriften brauchte. Weil er nicht wieder
nach oben laufen wollte, nahm er ein Exemplar aus dem
Regal im Wohnzimmer.
Auf dem Weg zur Kirche blätterte er die Bibel durch,
um seine Lieblingsschriftstelle zur Taufe zu suchen. Er
wollte sie nämlich im Eröffnungsteil vortragen. Doch zu
seiner Überraschung stellte er fest, daß die Schriftstelle,
die er suchte, schon rot unterstrichen war und daß am
Rand daneben ein Datum stand. „Was war denn am 2.
Juli 1982?", fragte er, als er das Datum sah.
„Laß mich mal nachdenken", gab die Mutter zur
Antwort. „Damals ist Samuel acht Jahre alt geworden.
Ich glaube, das ist sein Taufdatum."
Samuel war Jareds großer Bruder. Er hatte vor kurzem
geheiratet und war in einen anderen Staat gezogen, um
dort zu studieren. Obwohl Samuel weit weg war, hatte
Jared ihn sehr lieb und fühlte sich ihm noch immer nahe.
Jared schlug die erste Seite der Bibel auf und sah, daß
dort in Kinderschrift Samuels Name stand. Nun wußte
Jared, daß dies die heilige Schrift war, die seinem Bruder
gehörte, als dieser in der PV war. Und Samuels hatte die
gleiche Lieblingsschriftstelle zur Taufe wie Jared. Nun
fühlte sich Jared seinem Bruder noch näher. Jared schlug
noch einmal Matthäus 3:16, 17 auf und schrieb sein
Taufdatum neben Samuels.
Dann nahm er die heilige Schrift seines Bruders mit in
den PV-Unterricht. Als die Lehrerin die Kinder bat, LuB
4 aufzuschlagen, sah Daniel, daß dort ein Lesezeichen
lag. Es war alt und hatte schon ein paar Eselsohren.
Jared drehte es um, so daß er lesen konnte, was
darauf stand: „Jeder junge Mann soll auf Mission
gehen." Er dachte daran, daß Samuel eine Mission in
Mexiko erfüllt hatte und wohl schon im PV- Alter
angefangen hatte, für seine Mission zu sparen. Jared
überlegte, ob Samuel wohl mit dem Sparen ange-
fangen hatte, nachdem er dieses Lesezeichen
bekommen hatte.
Nach der PV nahm Jared die heilige Schrift seines
Bruders mit in die Abendmahlsversammlung. Als einer
der Sprecher LuB 131:2 vorlas, war Jared gar nicht mehr
überrascht, daß dieser Vers in Samuels heiliger Schrift
bereits unterstrichen war. Außerdem lag dort eine Karte,
auf die Samuel fünf Gründe dafür geschrieben hatte,
daß er im Tempel heiraten wollte. Jared dachte daran,
wie sein Bruder vor kurzem im Tempel geheiratet hatte.
Samuel muß sich schon in meinem Alter vorgenommen
haben, einmal im Tempel zu heiraten!
Als Jared aus der Kirche nach Hause kam, schrieb er
einen Brief an Samuel:
Lieber Samuel,
danke, daß ich mir heute Deine heilige Schrift ausleihen
durfte. Hoffentlich hast Du nichts dagegen, daß ich mein
Taufdatum neben Deins an den Rand geschrieben habe. Ich
wollte schon immer genauso sein wie Du, wenn ich groß bin,
und jetzt weiß ich, wo ich anfangen kann. Du sollst wissen,
daß ich nun jede Woche Geld für meine Mission sparen
werde. Und nach meiner Mission möchte ich im Tempel
heiraten. Danke, daß Du mir immer ein so gutes Beispiel
gegeben hast.
Liebe Grüße,
Dein Jared D
JUNI 1999
3
DAS MITEINANDER
Haltet die Gebote
Sydney S. Reynolds
„Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote
halten/' (Johannes 14:15.)
Jesus Christus hat die kleinen Kinder lieb. Als
er auf der Erde lebte, segnete er sie. Und als
er für die nephitischen Kinder betete, kamen
Engel und dienten ihnen (siehe 3 Nephi 1 7) . Wenn
jemand uns so viel Liebe entgegenbringt, möchten wir
ihn auch wiederlieben. Wie können wir dem Herrn
zeigen, daß wir ihn lieben? Jesus hat gesagt: „Wenn ihr
mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten." (Johannes
14:15.) Die folgenden Gebote kann jeder halten:
Beten
Der himmlische Vater hört unser Beten. Wir können
morgens mit ihm sprechen und ihn um Hilfe für den Tag
bitten. Ehe wir abends ins Bett gehen, können wir
wieder mit ihm sprechen und ihm für die Segnungen
danken, die er uns an diesem Tag geschenkt hat. Wir
können jederzeit und überall im Namen Jesu Christi
zum himmlischen Vater beten. Wenn wir zu ihm beten,
zeigen wir ihm, daß wir ihn lieben.
Den Sabbat heilighalten
Der Sabbat ist dem himmlischen Vater heilig, und
er muß auch uns heilig sein. Es gibt viel Gutes, was
man am Sabbat tun kann; anderes hingegen
verschiebt man besser auf einen anderen Tag. Woher
weiß man, was man tun darf und was nicht? Es kommt
darauf an, daß man am Sabbat nur das tut, was dazu
beiträgt, daß man sich dem himmlischen Vater und
Jesus Christus nahe fühlt. Am besten fängt man damit
an, indem man Sonntagskleidung trägt und kein Geld
ausgibt.
Zur Kirche gehen und das Abendmahl nehmen
Wenn man zur Kirche geht, lernt man etwas über
Jesus Christus und sein Evangelium. Außerdem nimmt
man das Abendmahl, das einem hilft, an sein Sühnopfer
zu denken. Wer das Abendmahl nimmt, verspricht dabei,
daß er die Gebote Jesu Christi halten und immer an ihn
denken wird. Dafür verheißt uns Jesus Christus, daß sein
Geist immer mit uns ist, wenn wir dies alles tun.
Mit der Hilfe des Geistes des Herrn können wir die
Gebote auch dann halten, wenn es uns schwerfällt. In
der heiligen Schrift steht, daß der Herr uns einen Weg
bereitet, wie wir seine Gebote halten können. Und wie
Nephi und Daniel haben wir dann auch den Mut, das
Rechte zu tun. Es macht uns Freude, den Zehnten zu
zahlen. Wir finden Trost, wenn wir in der heiligen
Schrift lesen. Unser Glaube an Jesus Christus nimmt zu,
weil wir uns ihm nahen, wenn wir die Gebote halten.
Anregungen für das Miteinander
1 . Singen Sie das Lied „Gottes Gebote will ich befolgen"
(Gesangbuch, Nr. 204) . Besprechen Sie, wie wichtig es ist, daß
man die Gebote kennt, damit man sie befolgen kann. Schreiben Sie
die folgenden Versangaben an die Tafel oder auf ein Poster: Alma
13:28, 29 (beten); LuB 1:37 (in der heiligen Schrift studieren);
Exodus 20:8-1 1 (den Sabbat heilighalten); LuB 59:9-12 (zur
Kirche gehen und das Abendmahl nehmen); LuB 119:4 (den
Zehnten zahlen) . Zeigen Sie die folgenden Gegenstände: ein Bild,
auf dem ein betendes Kind zu sehen ist, eine heilige Schrift, einen
Kalender, in dem Sie einen Kreis um die Sonntage gezogen haben,
einen Abendmahlsbecher und einen Zehntenumschlag. Die Kinder
sollen nun die Schriftstellen aufschlagen und jeden Gegenstand der
entsprechenden Schriftstelle zuordnen. Erzählen Sie anschließend,
wie Nephi die Messingplatten geholt hat (siehe 1 Nephi 3,4), und
machen Sie dabei deutlich, daß der Herr uns immer einen Weg
bereitet, wie wir seine Gebote halten können (siehe l Nephi 3:7).
2. Erklären Sie, daß man unter dem Zehnten ein Zehntel des
Einkommens versteht. Zeigen Sie einen Zehntenumschlag und einen
Spendenzettel. Lassen Sie dann mehrere Kinder üben, wie man den
Zettel ausfüllt. Fragen Sie: „Wer bekommt den Zehnten?" (Der
Bischof bzw. Zweigpräsident.) ,Was geschieht mit dem Zehnten?"
(Er wird sorgfältig gezählt, aufgezeichnet und an den Hauptsitz der
Kirche geschickt.) „Was wird vom Zehnten bezahlt?" (Tempel,
Gebäude der Kirche, Missionsbüros, Schulen, Wohlfahrtsprogramme
und andere Ausgaben der Kirche.) Erklären Sie, daß wir mithelfen,
die Kirche überall auf der Welt aufzubauen, indem wir den Zehnten
zahlen. Bitten Sie den Bischof bzw. Zweigpräsidenten, den Kindern
zu erklären, wie wichtig es ist, den Zehnten zu zahlen, und was für
Segnungen einem dafür zuteil werden. □
KINDERSTERN
4
„Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten."
A. JlH
Beten
In der heiligen
Schrift studieren
Zur Kirche gehen
und das Abendmahl
nehmen
Den Sabbat
heilighalten
Den Zehnten
zahlen
Mein Glaube an Jesus Christus nimmt zu, wenn ich die Gebote halte.
^miwmvwm?!'.
■ ■■■ ■ ■■■■■ ■ ■■ '■■■■ - : - ■■■■■■ ■!■■ ■■■ ■■■
Exodus 20:8-11
Alma 13:28,29
LuB 1:37
LuB 59:9-12
LuB 119:4
§*E
l.
2.
Anleitung
Kleb diese Seite auf ein Stück Pappe. (1) Schneide
dann das große Kästchen und eine der Figuren aus;
bringe die Schlitze an, indem du entlang der gestri-
chelten Linien innerhalb des Bildes schneidest. (2)
Schreib in das Kästchen unter jedem Gebot die richtige
Versangabe aus der obenstehenden Liste. (3) Falte den
Titel und das Bild nun entlang der dicken Linie. (4)
Steck die Figur jetzt in die ersten Schlitze, und befe-
stige sie, indem du die obere Lasche umklappst. So wie
du die in den Kästchen genannten Gebote hältst,
kannst du deine Figur immer einen Schritt näher zum
Erretter rücken.
JUNI 1999
5
Neues von unseren Freunden
„Die Pionierkinder sangen, während sie immer weiter wanderten und wanderten."
(Children's Songbook, Nr. 214.)
Am 25. August 1878 versammelten sich
mehrere Jungen und Mädchen in Farmington
in Utah. Die Primarvereinigung war geboren.
Seit der ersten Versammlung vor inzwischen mehr als
121 Jahren ist die PV gewachsen. Inzwischen gehören
mehr als eine Million Kinder zur PV - du und alle
übrigen Kinder in der Kirche!
So wie die Kinder, die damals zur ersten PV-
Versammlung kamen, bist auch du ein Pionier! Obwohl
du nicht mit den ersten Mitgliedern durch den Westen
der Vereinigten Staaten ziehen mußtest, bist du
trotzdem ein Pionier, denn du hilfst mit, die Kirche in
deinem Land aufzubauen. Du bist ein Pionier, wenn du
anderen ein Beispiel gibst, mit ihnen über das
Evangelium sprichst und deiner Familie, deinen
Freunden und deinen Nächsten dienst.
A Zu Erinnerung an
den Treck der Pionier
in das Salzseetal im
Jahre 1847 haben die
PV-Kinder und Führungskräfte des Distriktes Tubuai Australes in
der Mission Papeete auf Tahiti am Jahrestag des Einzug in das
Salzseetal eine Feier veranstaltet, bei der sie wie Pioniere gekleidet
waren. So ist ihnen bewußt geworden, daß auch sie Pioniere sind -
in der Schule, in der Nachbarschaft und in der Familie.
A Die Kinder aus der Gemeinde Lomas
Im Pfahl Chapultepec in Mexiko -Stadt
sind zum Tempel gefahren. Am Sonntag
zuvor hatte ein Tempelarbeiter ihnen
erklärt, wie heilig der Tempel ist und was
sie tun müssen, damit sie eines Tages
würdig sind, den Tempel zu betreten.
M Die Kinder aus dem Zweig Manantial in Tucuman im Pfahl Argentinien-
West lernen gerne etwas über den himmlischen Vater und Jesus Christus. Es
macht ihren Lehrern und Führern viel Freude, sie zu unterweisen. Dieses
Foto wurde an dem Tag aufgenommen, als die PV-Kinder die Darbietung in
der Abendmahlsversammlung gestalteten.
KINDERSTERN
6
► Die PV-Kinder aus dem Zweig
Calabar 3 im Distrikt Calabar in
Nigeria haben eine sehr schöne
Darbietung in der
Abendmahlsversammlung gestaltet
und dabei Zeugnis gegeben, daß
Jesus Christus lebt und alle
Menschen liebt. Außerdem haben
sie die Geschichte vom
barmherzigen Samariter nachge-
spielt, um deutlich zu machen,
daß wir einander lieben sollen.
M Die PV-Leiterin des Zweiges
Omagh im Pfahl Belfast in
Nordirland hat dieses Foto von der
kleinen PV des Zweiges
eingeschickt. Hintere Reihe: Dale
McFarland, Matthew Lee, Cheryl
McNamee und Amy McFarland.
Vordere Reihe: Jenny Lee, Royce
Cathers und Elliot Cathcart.
A Die Kinder aus dem Zweig San
Benito im Distrikt Peten in
Guatemala freuen sich sehr, daß sie
der Kirche angehören dürfen. Die
heilige Schrift bedeutet ihnen viel.
Es macht ihnen Freude, ihren
Mitmenschen zu helfen, und sie
möchten gerne die PV-Kinder auf
der ganzen Welt grüßen.
M Die Kinder aus dem Zweig Mount Rainier (koreanisch) im Pfahl
Auburn in Washington haben jede Rolle der Darbietung in der
Abendmahlsversammlung in Koreanisch und Englisch gelernt. Außerdem
haben sie von den vorgesehenen Liedern eins in Koreanisch, Englisch und
amerikanischer Zeichensprache vorgetragen. Später wurden sie gebeten,
zusammen mit dem Kinderchor auf einer Pfahlkonferenz zu singen, wo
Eider W Rolfe Kerr sagte, Engel sängen zusammen mit ihnen.
► Die PV-Kinder und -Führungskräfte aus dem Zweig Rhyl im Pfahl
Chester in England nahmen an einer Wanderung teil, die von einer
Hilfsorganisation durchgeführt wurde, die Brunnen bohrt, damit
Menschen frisches Wasser haben. Die PV brachte dabei etwas mehr
als hundert Mark zusammen. Allen machte die Wanderung großen
Spaß, weil sie ja wußten, daß sie damit anderen Menschen halfen.
JUNI 1999
7
DAS MACHT
SPASS
PIONIERE
Wenn du wissen willst, wie die Pioniere nach Zion gereist sind, nimm die
Seiten 8 und 9 heraus. Kleb sie auf ein Stück Pappe, und falte sie wie
eine Ziehharmonika zusammen (siehe Abbildung rechts) . Zieh die
Seiten nun wieder soweit auseinander, daß sie stehenbleiben (siehe Abbildung) .
Wenn du von halblinks schaust, siehst du die eine Szene, und wenn du von halb-
rechts schaust, die andere. D
ILLUSTRATION VON SHAUNA MOONEY KAWASAKI
DER KLEINE FORSCHER
Geraldine T. Fielding
ILLUSTRATION VON DICK BROWN
Kurz nachdem die Pioniere
das Salzseetal erreicht
hatten, zog ein junger
Mann namens David Cannon mit
seiner Frau, Wilhelmina, in den
Süden Utahs, um dort bei der
Gründung einer Siedlung zu helfen.
Wilhelmina, die von allen „Willie"
gerufen wurde, fühlte sich dort über-
haupt nicht wohl. Sie haßte die
heiße, trockene Wüste und weinte
ständig. Immer wieder flehte sie
ihren Mann an, wieder zurück in
den Osten der Vereinigten Staaten
zu ziehen, wo Pflanzen und Bäume
fast von allein wuchsen und das
Klima viel gemäßigter war.
„Hier ist alles so häßlich",
schimpfte sie. „Wenn du mir hier
auch nur etwas Schönes zeigen
kannst, dann will ich zufrieden sein
und mich nicht mehr beklagen."
David ging in die Berge und kam
mit einer weißen Blüte zurück, die
von tiefroten Fäden durchzogen war.
Willie mußte sowohl David als auch
sich selbst eingestehen, daß diese
Blüte wirklich wunderschön war. Sie
beklagte sich nie wieder. Statt
dessen ging sie an die Arbeit und
KINDERSTERN
10
schuf in der Nähe von St. George
eine florierende Farm und ein
schönes Heim, wo sie und ihr Mann
viele Jahre wohnen blieben.*
Diese Blume, die der mutlosen
Pionierfrau mit ihrer Blüte neue
Kraft gab, rettete auch zahllosen
weiteren Pionieren mit ihrer nahr-
haften Wurzel das Leben. Deshalb
nannte man sie die Mormonentulpe.
Als die Mitglieder im Jahre 1846
Wagenzüge in Winter Quarters
bildeten, sollten sie so viele Vorräte
mitbringen, daß sie achtzehn Monate
etwas zu essen hatten. Manche taten
das auch, aber die meisten brachten
nur das mit, was sie besaßen bzw.
kaufen konnten. Als die Pioniere
dann im Salzseetal ankamen, hatten
viele von ihnen wenig oder gar nichts
zu essen. Schon seit Monaten hatten
sie auf Zucker und Mehl verzichten
müssen, und ihren übrigen kleinen
Lebensmittelvorrat hatten sie auf
dem langen Zug durch Nordamerika
längst verbraucht. Viele mußten das
essen, was sie erlegen konnten -
Krähen, Kaninchen, Wölfe. Ein
Siedler schrieb, er habe aus Wasser
und einem Stück Fell eine Suppe
gekocht! Die Pioniere waren erst so
spät im Jahr ins Salzseetal
gekommen, daß sie nicht mehr genug
Getreide anpflanzen konnten. Und
nun stand ihnen ein langer, bitter-
kalter Winter bevor, und sie hatten
nichts zu essen.
Glücklicherweise halfen die
Ureinwohner den Pionieren bei der
Suche nach Eßbarem, das bereits
vorhanden war. Dazu gehörte auch
die Mormonentulpe, deren Wurzel
wie eine Glühbirne geformt war. Die
Ureinwohner zeigten den Pionieren,
wie sie die Wurzeln ausgraben,
kochen und haltbar machen mußten.
Man brauchte viele
Mormonentulpen, um daraus eine
Mahlzeit für eine ganze Familie
zuzubereiten. Die meisten Wurzeln
waren etwa so groß wie Murmeln,
aber manche waren genauso klein
wie Erbsen! Es gab Leute, die
meinten, die Wurzeln würden wie
Steckrüben schmecken. Auf jeden
Fall schmeckten sie am besten,
wenn sie frisch gekocht wurden.
Eine Pionierfrau schrieb in ihr
Tagebuch, daß die gekochten
Wurzeln nach dem Abkühlen zäh
und klebrig wurden und wie
Klebstoff aussahen!
Manche Leute mahlten die
Wurzeln auch und vermischten sie
mit Mais- oder Weizenmehl, sofern
sie welches hatten. Wer mehr
Wurzeln hatte, als er sofort verbrau-
chen konnte, hing sie zum Trocknen
JUNI 1999
11
auf oder lagerte sie im Keller, um sie
später zu verbrauchen.
Die Wurzeln mußten mit einem
angespitzten Stock oder einem
spitzen Messer ausgegraben werden.
Das war sehr anstrengend, aber in
den ersten Jahren damals hatten die
Pioniere oft nur die Wahl, entweder
die Wurzeln zu essen oder zu verhun-
gern. Brigham Young hat später oft
gesagt, daß die Pioniere den schreck-
lichen ersten Winter ohne die
Mormonentulpe niemals über-
standen hätten. Schließlich ernteten
die Siedler Weizen und Mais und
bekamen Nahrungsmittel aus dem
Osten der Vereinigten Staaten. Doch
bis dahin war die Mormonentulpe
wirklich wie Manna vom Himmel.
Später wurde die Mormonentulpe
zum Symbol für die Eigenschaften,
durch die sich die Siedler auszeich-
neten. Sie wuchs selbst in kargem
Boden und brauchte nicht viel
Wasser. Trotzdem brachte sie eine
wunderschöne Blüte und eßbare
Wurzeln hervor. Sie war robust und
zäh und brauchte weder
Aufmerksamkeit noch Pflege.
1911 wurde die Mormonentulpe
von der Regierung Utahs offiziell zur
Staatsblume erklärt. Damit erwies
man der bescheidenen Pflanze, die
vielen Pionieren buchstäblich das
Leben gerettet hatte, die
gebührende Ehre. □
* Aus der Familiengeschichte von David und
Wilhelmina Cannon.
VERSUCHEN, WIE JESUS ZU SEIN
Lorenzo Presenqa
ZEIT ZUM GESCHICHTENERZÄHLEN IN GALILÄA, GEMÄLDE VON DEL PARSON
Jordan Stangier
UNSER ERSTES FAMILIENFASTEN
Vor ungefähr einem Jahr
wurden Freunde unserer
Familie mit schweren
Verletzungen ins Krankenhaus einge-
liefert. Rosana und Angel Blanco
Rodriguez sowie zwei ihrer Kinder
befanden sich gerade in der Küche,
als sie Gas rochen. Bruder Rodriguez
wollte nachschauen, wo das Gas
herkam. Als er die Gasleitung
berührte, gab es eine Explosion und
einen Brand. Weil Bruder Rodriguez
Angst um seine kleinen Kinder
hatte, erstickte er die Flammen mit
seinem eignen Körper. Er wurde von
allen vier am schwersten verletzt.
Als Mama uns von dem Unfall
erzählte, sagte sie auch, wie sehr
diese lieben Freunde ihr und Papa
am Herzen lagen. Sie erklärte uns
auch, daß wir Bruder und Schwester
Rodriguez nicht dadurch helfen
konnten, daß wir uns um die
anderen Kinder, das Haus oder
geschäftliche Angelegenheiten
kümmerten, weil wir ja weit entfernt
wohnten. Sie sagte aber, es gäbe eine
Möglichkeit, ihnen zu helfen. Wir
könnten gemeinsam als Familie
fasten und darum beten, daß der
Herr die Familie Rodriguez segnen
möge. Alle könnten mitmachen -
auch die Kleinsten. Unsere Eltern
hatte schon immer am ersten
Sonntag im Monat und auch zu
sonstigen Anlässen gefastet, aber
wir hatten noch nie als Familie gefa-
stet. Also beschlossen wir, es zu
versuchen.
Am Samstag nach dem
Mittagessen fingen wir an. Alle
fasteten - Papa und Mama, Douglas,
13 Jahre alt; Francini, 11 Jahre alt;
Debora, 7 Jahre alt; und ich, 9 Jahre
alt. Wir sprachen ein Gebet und
baten den Herrn, unsere Freunde zu
segnen. Mama brachte zur
Erinnerung einen Zettel - „Unser
erstes Familienfasten" - an der
Kühlschranktür, am Wasserhahn, an
der Mikrowelle und der Küchentür
an, damit ja keiner vergaß, daß wir
nichts essen und trinken durften.
Ich hatte auch keinen Durst,
obwohl es bei uns im
Amazonasgebiet in Brasilien sehr
heiß ist. Ich hatte auch keinen
Hunger. Aber ich konnte mir jetzt
vorstellen, wie es Jesus ergangen
sein mochte, als er vierzig Tage
fastete. Außerdem spürte ich, wie
schön es ist, wenn man etwas tut,
um anderen Menschen zu helfen.
Am Sonntag gab Papa uns allen
einen Umschlag für das Fastopfer
und half uns beim Ausfüllen des
Spendenzettels. In der Kirche gaben
wir das Geld unserem
Zweigpräsidenten. Mittags been-
deten wir unser Fasten.
KINDERSTERN
12
Die Familie Rodrigues konnte
schließlich wieder nach Hause. Die
Verletzungen waren nicht mehr
schlimm. Doch wir und viele andere
Freunde fasteten und beten weiter
darum, daß sie wieder ganz gesund
würden. Und der Herr hörte nicht
auf, sie zu segnen. Nach einigen
Monaten waren alle wieder voll-
ständig gesund und hatten kaum
Narben zurückbehalten.
Seit unserem ersten
Familienfasten fasten und beten wir
jeden Monat zusammen für einen
guten Zweck.
Ich bin dankbar, daß ich Mitglied
der Kirche Jesu Christi der Heiligen
der Letzten Tage sein, mehr über
Jesus Christus lernen und mehr
darüber erfahren darf, was er alles
für mich getan hat. Ich möchte
seinem Beispiel immer nacheifern. □
Lorenzo Presenga, 10 Jahre alt
Zweig Nova Esperanca,
Pfahl Rio Negro, Manaus, Brasilien
DIE RICHTIGE ENTSCHEIDUNG
Bei uns zu Hause lernen wir,
wie man den Sabbat heilig-
hält. Wir gehen zur Kirche
und bemühen uns, am Sonntag nur
das zu tun, was uns an den himmli-
schen Vater und Jesus Christus
denken läßt. Wir schreiben Tagebuch
und lesen Geschichten aus den
Zeitschriften der Kirche. Aber wir
gehen beispielsweise nicht in den
Park und treiben auch keinen Sport.
Ich habe mich sehr gefreut, als
mein Freund Gordon mir letztes Jahr
eine Einladung zu seiner
Geburtstagsfeier gab. Doch als ich
die Einladung öffnete, sah ich, daß
die Feier an einem Sonntag statt-
finden sollte. Ich zeigte meine Eltern
die Einladung, fragte aber nicht, ob
ich hingehen dürfe. Statt dessen
sagte ich: „Ich kann leider nicht
hingehen, weil die Feier sonntags
stattfindet." Ich war zwar
enttäuscht, daß ich nicht dabei sein
konnte, aber ich wußte, daß meine
Entscheidung richtig war.
Meine Mutter telefonierte mit
Gordons Mutter und erklärte ihr,
daß ich nicht kommen könne.
Gordons Mutter entschuldigte sich
dafür, daß die Feier an einem
Sonntag stattfinden sollte. Gleich
am nächsten Tag wollte sie sich mit
Mama unterhalten, während die
beiden vor der Schule warteten, um
uns abzuholen. Sie erklärte, daß ihre
Familie früher auch einmal zu einer
Kirche gegangen sei und noch
immer daran glaube, daß man beten
solle. Dieses Gespräch war der
Anfang vieler Gespräche, die wir mit
Gordons Familie über das
Evangelium geführt haben. Sie
haben sich zwar nicht der Kirche
angeschlossen, aber sie zeigen doch
noch immer Interesse und wissen
jetzt auch besser, woran wir glauben.
Mama hat gesagt, wenn ich nicht
die richtige Entscheidung getroffen
und den Sabbat nicht heiliggehalten
hätte, hätten wir wahrscheinlich
längst nicht so ausführlich mit
Gordons Familie über das Evangelium
sprechen können. Sie respektieren
unsere Wertvorstellungen, und dieses
Jahr fand Gordons Geburtstagsfeier
an einem Samstag und nicht an
einem Sonntag statt. D
Jordan Stangier, 8 Jahre alt
Gemeinde Red Deer l ,
Pfahl Red Deer, Alberta, Kanada
*'*».>.
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JUNI 1999
13
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V
Fern R. Law
(Nach einer Tagebucheintragung der Großmutter und der Urgroßmutter der Verfasserin)
eht nach draußen und spielt", sagte das
(Dienstmädchen. „Ihr wißt doch, daß eure
Mutter sich ausruhen muß." Also rannten
Leta, Sina, Nilla und Clyde durch die Hintertür nach
draußen, vorbei an den blühenden Tulpen bis hinten
aufs Feld. Am Ende des Feldes gab es einen
riesengroßen Keller, wo Gemüse eingelagert wurde. In
dem Teil, wo keine Kartoffeln und auch sonst kein
Gemüse lagerten, durften die vier Kinder spielen.
„Wir wollen uns jetzt zum Abendessen fertig
machen", sagte Leta mit einer Stimme, der jeder gleich
anhörte, daß sie die Mutter spielte. „Leta, hilf mir, die
Schürze zuzubinden." Sie tat so, als ob sie eine Schürze
aus dem Schrank nähme und überstreife.
Sina gab vor, daß sie hinten die Schleife bände. Sie
beeilte sich dabei sehr, denn sie wollte unbedingt die
große Schwester spielen. „Ich decke den Tisch", sagte
sie und drehte eine Holzkiste um, auf die sie ein altes
Geschirrtuch legte.
„Nilla", befahl Leta, „du gehst zurück zum Haus und
bringst uns etwas zu essen."
Nilla freute sich, daß sie eine wichtige Aufgabe
bekommen hatte. Sie war schon fast am Haus, als ihr
einfiel, daß das Dienstmädchen sie ja fortgeschickt hatte
und vielleicht gar nicht wieder hineinließe. Deshalb
schaute sie sich vorsichtig um, bis sie das Mädchen sah.
Es unterhielt sich mit einem Jungen, der mit einem
Pferd gekommen war.
Nilla ging in die Küche. Die Schranktüren standen
offen, aber die Schränke waren leer. Sie rochen nach
Seife. Auf dem Küchentisch und auf den Stühlen
standen Kästchen und Fläschchen in verschiedenen
Größen und Formen.
Nillas Blick fiel auf eine Flasche, auf der ein rotweißer
Aufkleber prangte. Sie wußte nicht, daß der Totenkopf
mit den gekreuzten Knochen darunter bedeutete, daß
Gift in der Flasche war. Der Aufkleber saß nicht mehr
ganz fest, deshalb riß sie ihn ab und warf ihn auf den
Boden. Dann nahm sie stolz die Flasche und brachte sie
ihren Geschwistern, die im Spielkeller auf sie warteten.
Leta öffnete die Flasche und sah die weißen Kristalle.
„Ja, das sieht gut aus", sagte sie und schraubte die
Flasche wieder zu. „Es dauert aber noch eine Weile, bis
das Abendessen fertig ist. Deshalb dürft ihr euch noch
nicht an den Tisch setzen."
Leta tat so, als ob sie einen Ofen hätte und etwas
kochen würde. Dann fegte sie den Boden. Von Zeit zu
Zeit schimpfte sie mit den Kindern, weil diese unge-
duldig auf das Essen warteten. Schließlich erklärte sie,
daß es jetzt Zeit zum Abendessen sei.
Als die Kinder sich hingesetzt hatten, schüttete Leta
für jeden ein kleines Häufchen Kristalle aus der Flasche.
Clyde leckte sich den Finger ab und wollte gleich
anfangen zu essen, aber Leta hielt ihn auf. „Wir müssen
vor dem Essen doch erst beten. Ich werde das Gebet
sprechen."
Beim Beten erinnerte sie alle an ihren Vater. Sie
begann: „Unser Vater im Himmel. Wir danken dir für
dieses Essen und für — " Ihre Stimme hob und senkte
sich, während sie immer weiterbetete. Die meiste Zeit
murmelte sie nur vor sich hin, so daß eigentlich
niemand richtig verstand, was sie sagte. Die anderen
KINDERSTERN
14
Kinder hörten sie sagen:"Segne dieses Essen, damit es
uns gut bekommt" und „segne die Missionare, die
draußen für dich arbeiten". Und gerade, als Sina,
Nilla und Clyde meinten, das Gebet sei nun zu Ende
und sie könnten endlich anfangen zu essen, fiel ihr
noch der Name eines Mitglieds der Gemeinde ein, für
das sie beten konnte, und so ging das Gebet weiter.
Zu Hause wachte die kranke, schwache Mutter
mit einer solch großen Angst um ihre Kinder auf, daß
sie schon aus dem Bett sprang, ehe sie überhaupt
richtig wach war. Langsam tastete sie sich aus dem
Schlafzimmer und sah, daß das Dienstmädchen auf
der Couch schlief.
Die Küche war makellos sauber, abgesehen von
einem verblichenen roten Aufkleber, der ihr ins Auge
sprang, als der Wind ihn über den Boden wehte. Ein
Totenkopf und gekreuzte Knochen waren darauf zu
sehen - und die Bezeichnung Strychnin. Die Mutter
lief so schnell sie konnte nach draußen. Sie konnte
die Kinder nirgendwo im Garten entdecken, und so
rannte sie geradewegs zum Spielkeller.
Leta hatte gerade „Amen" gesagt. Die Kinder
leckten sich über die Finger und wollten nun ihr
„Abendessen", nämlich die Kristalle, damit
aufnehmen, als plötzlich der Schatten der Mutter
durch den Türrahmen fiel.
Sie hatte sie gerade noch rechtzeitig gefunden! Im
Herzen sprach sie ein Dankgebet dafür, daß ihren
kleinen Kindern nichts geschehen war. Sie zweifelte
nicht einen Augenblick daran, daß der Geist des
Herrn sie aufgeweckt und zu ihren Kindern geführt
hatte.
Als der Vater am Abend das Tischgebet sprach,
warteten die Kinder geduldig und hörten zu, wie
seine Stimme sich hob und wieder senkte. Sie
mußten immer wieder daran denken, wie sie im
Spielkeller vor ihrem „Abendessen" gebetet und
beinahe Gift gegessen hatten,
Beim Essen flüsterte Nilla ihrer Schwester Leta zu:
„Der himmlische Vater hört und versteht jedes
Gebet, nicht wahr?"
„Ja, das tut er", flüsterte Leta zurück. D
/ XI
T~aat
BESUCHSLEHRBOTSCHAFT
SICH UM BEHERRSCHUNG BEMUHEN
Wir sind auf die Erde
gekommen und haben
einen Körper erhalten.
Jetzt müssen wir lernen, diesen
Körper zu beherrschen. Präsident
Brigham Young hat erklärt, wie
wichtig Selbstbeherrschung ist, damit
man das ewige Leben empfangen
kann: „Der [Körper] muß sich dem
Geist vollkommen unterwerfen,
sonst kann euer Körper nicht
erhoben werden, um ewiges Leben zu
ererben. . . . Bemüht euch eifrig, bis ihr
alles dem Gesetz Christi unterworfen
habt." (Lehren der Präsidenten der
Kirche: Brigham Young, Seite 204.)
WIE LERNT MAN
SELBSTBEHERRSCHUNG?
Selbstbeherrschung lernt man
unter anderem dadurch, daß man
sich mit der Gotteslehre befaßt und
danach lebt. Jeder Versuch, der von
Erfolg gekrönt ist, schenkt uns Kraft
und bringt uns dem Ziel näher,
„Christus in seiner vollendeten
Gestalt" darzustellen (siehe Epheser
4.13). Unser Ziel besteht darin,
unsere Wünsche so zu beherrschen,
daß wir wie der Meister zum himmli-
schen Vater sagen können: „Mein
Vater, . . . nicht wie ich will, sondern
wie du willst." (Matthäus 26:39.)
Selbstbeherrschung lernt man
unter anderem dadurch, daß man
schon den Anschein der Versuchung
meidet und jeden Gedanken von sich
weist, der einen zum Handeln
verleiten will (siehe 1 Thessalonicher
5:22). Das gilt vor allem für süchtig
machende Substanzen und für
Verhaltensweisen, die zur Gewohnheit
werden können. Manchmal braucht
man vielleicht sogar fachmännische
Hilfe, um eine solche Sucht bzw. ein
solches Verhalten zu überwinden. Auf
jeden Fall aber braucht man die Hilfe
Gottes.
Wer sich um Selbstbeherrschung
bemüht, gewinnt durch Beten und
Fasten große Kraft. Beides hat nämlich
etwas mit Selbstbeherrschung zu tun
und schenkt uns Zugang zu den
Kräften des Himmels. Ja, vieles von
dem, was der Herr von uns erwartet,
kann uns helfen, uns selbst zu
meistern. Präsident Spencer W
Kimball hat gesagt: „Es ist eine
Glaubensprüfung, ein Zehntel all
dessen zu nehmen, was man verdient
hat, und es ist den Führern zu geben,
damit diese es weiterverwenden.
Fasten ist Selbstbeherrschung. . . .
Immer vollständig selbstlos zu sein und
erst an andere zu denken, ehe man an
sich selbst denkt, ist ein großer Schritt
hin zur Selbstbeherrschung. Und wer
jemandem vergibt, der gemein und
verletzend ist, ist schon ganz nahe
daran, vollkommen zu sein." (The
Teachings of Spencer W. Kimball, Hg.
Edward L. Kimball, 1982, Seite 204.)
EINANDER HELFEN
Wenn man jemanden sieht, der
Schwierigkeiten mit der Selbstbeherr-
schung hat, fällt einem die Kritik oft
nicht schwer. Doch Gott möchte
lieber, daß wir helfen, anstatt
jemandem Steine in den Weg zu
legen. Eider Marvin J. Ashton
(1915-1994) hat einmal von einer
Schwester erzählt, die einer FHV-
Leitung angehörte und während einer
Leitungssitzung einmal aufgrund von
familiären Schwierigkeiten die
Beherrschung verlor. Später rief sie
verlegen bei aen Schwestern an, um
sich zu entschuldigen.
„Ihre Freundinnen in der FHV-
Leitung waren großzügig und
meinten, sie solle sich darüber keine
JUNI 1999
25
Gedanken mehr machen. Trotzdem
meinte sie, daß sie sie jetzt vielleicht
nicht mehr so schätzten, nachdem
sie sich so hatte gehenlassen. Aber
am Abend klingelte es an der Tür,
und da standen die anderen
Schwestern von der FHV-Leitung
mit einem Abendessen in der Hand.
,Als du heute morgen die
Beherrschung verloren hast, war uns
klar, daß du völlig fertig sein mußt.
Wir haben uns gedacht, daß dir ein
kleines Abendessen vielleicht hilft.
Wir haben dich sehr lieb.'" („Die
Zunge kann ein scharfes Schwert
sein", Der Stern, Juli 1992, Seite 18.)
Ein kleines Kind lernt laufen,
indem es hinfällt und wieder aufsteht.
Selbstbeherrschung lernt man oft auf
dieselbe Weise. Jesus Christus war das
einzige vollkommene Wesen auf der
Erde, und wenn wir versuchen, ihm
nachzufolgen, werden wir wohl
manchmal ins Stolpern geraten. Doch
wenn wir uns um die Hilfe des Vaters
bemühen und vergebungsbereit sind -
uns selbst und anderen Menschen
gegenüber -, dann finden wir auch
die Kraft, wieder von neuem zu
beginnen. D
'...
Der Traum
vom Dienen
John Jairo Bustamante
Ich schaute aus dem
Flugzeugfenster. Plötzlich
mußte ich an den Traum
denken, den ich damals
nicht verstanden hatte. Ich
saß in einem Flugzeug, ich
war der Leiter unserer
Gruppe, und wir waren auf
dem Weg zum Tempel, dem
Haus des Herrn, der heilig-
sten Stätte auf der Erde.
Und ich war dafür verant-
wortlich, daß wir sicher
dort ankamen.
Als ich dreizehn, vierzehn
Jahre alt war, träumte ich
einmal, ich sei mit anderen
Leuten unterwegs; wir wollten mit
dem Flugzeug in ein schönes, friedli-
ches Land fliegen, wo Jesus Christus
wohnte. Wir mußten mit dem
Flugzeug fliegen, um dieses Land zu
erreichen, und ich war verantwort-
lich für unsere Gruppe und dafür,
daß wir sicher dort ankamen.
Dieser Traum überraschte mich
schon ziemlich, und deshalb erzählte
ich ihn am nächsten Tag meiner
Mutter. Sie fand ihn ganz nett, viel-
leicht ein wenig merkwürdig, aber wir
wußten beide nicht, was wir davon
halten sollten. Obwohl wir den Traum
nie wieder erwähnten, blieb er mir
doch viele Jahre lang unvergessen.
Ich wurde in Bogota in Kolumbien
geboren. Meine Eltern lehrten mich,
an Gott zu glauben, und dafür bin ich
ihnen sehr dankbar. Doch wie jedes
menschliches Wesen habe auch ich
Fehler gemacht, die allmählich zur
Entfremdung von meiner Familie
führten. Aufgrund der Spannungen
bei uns zu Hause und weil ich auf der
Suche nach einem besseren Leben
war, beschloß ich, Urlaub in
Fusagasuga zu machen, einer Stadt in
der Nähe von Bogota. Doch meine
Probleme nahm ich dorthin mit.
Eines Tages ging ich spazieren
und überlegte, ob ich mich um Hilfe
bemühen sollte. Schließlich bat ich
Gott, mir zu helfen; irgendwie
spürte ich, daß dies die richtige
Entscheidung war.
Ein paar Tage später lernte ich eine
junge Frau kennen, die mir von der
Kirche erzählte, die sie besuchte. Was
sie sagte, machte mich neugierig und
erfüllte mich mit Hoffnung. Ich fragte,
ob ich mit zu den Versammlungen
ihrer Kirche kommen dürfe.
Als wir dort ankamen, wurde
ich von freundlichen Menschen
begrüßt. Sie stellten mich den
Missionaren vor, die mit mir die erste
Lektion durchnahmen und mir ein
Buch Mormon schenkten.
Als der Urlaub vorüber war, fuhr
ich wieder zurück nach Bogota. Dort
hatte ich einen Unfall und verletzte
mich am Bein. Weil ich nun nur
unter großen Mühen laufen konnte,
fing ich an, das Buch zu lesen, das die
Missionare mir gegeben hatten. Und
dann fand ich die Antworten auf
viele Fragen, die ich mir zum Sinn
des Lebens und zur richtigen Art und
Weise der Gottesverehrung gestellt
hatte. Die Lehren, die von Nephi,
Mosia und anderen Propheten
stammten, weckten in mir den
Wunsch, mit den Missionaren über
die Kirche zu sprechen.
Aufgrund des Unfalls war ich in
meiner Bewegungsfreiheit stark
eingeschränkt, aber mein Wunsch,
mehr zu erfahren, war so groß, daß
ich nach Fusagasuga reiste, um die
Missionare zu suchen. Als ich sie
gefunden hatte, gaben sie mir die
Adresse von Missionaren in der
Nähe meines Wohnortes, und ich
fuhr wieder nach Hause.
Als der Gips von meinem Bein
entfernt wurde, konnte ich zwar
immer noch nicht wieder richtig
laufen, sah mich aber dennoch nach
dem nächstgelegenen Gemeindehaus
der Kirche Jesu Christi der Heiligen
der Letzten Tage um. Dort traf ich
die Missionare - als ob sie auf mich
gewartet hätten. Die Missionare
Castro, Mamani und Duran beant-
worteten die vielen Fragen, die ich
hatte, und luden mich ein, mich dem
Reich Gottes anzuschließen.
Bei jedem Gespräch spürte ich,
daß ich mich auf dem richtigen Weg
befand und daß Gott mein Flehen
um Hilfe erhört hatte. Wie viele
andere suchte 'auch ich auf den
Knien nach der Wahrheit; das
Schöne am Evangelium war ja, daß
ich die Wahrheit selbst erkennen
konnte. Zwei Monate später, am 4.
Juni 1994, ließ ich mich taufen.
Ein Jahr nach meiner Bekehrung
wurde ich auf Vollzeitmission
berufen. Ich freute mich sehr, daß
ich nun mit anderen Menschen über
das sprechen konnte, was ich über
Jesus Christus und die große Liebe,
die er für uns empfindet, gelernt
hatte, über neuzeitliche Propheten
und das Buch Mormon. Eine Woche
vor der Abreise durfte ich meine
Mutter taufen; auch sie hatte die
wahre Kirche Jesu Christi gefunden.
Am 14. Juli 1995 traf ich in der
Missionarsschule in Bogota ein.
Am Ende der Ausbildung berief
mich der Präsident als Leiter einer
Missionarsgruppe, die nach Peru in
den Lima-Tempel fahren sollte.
Als ich mit den einundzwanzig
Missionaren aus Kolumbien, Ekuador
und Venezuela im Flugzeug saß,
schaute ich aus dem Fenster. Plötzlich
mußte ich an den Traum denken, den
ich damals nicht verstanden hatte.
Ich saß in einem Flugzeug, ich war
der Leiter unserer Gruppe, und wir
waren auf dem Weg zum Tempel,
dem Haus des Herrn, der heiligsten
Stätte auf der Erde. Und ich war
dafür verantwortlich, daß wir sicher
dort ankamen.
Anscheinend hat mich der himm-
lische Vater schon in jungen Jahren
dafür bereitgemacht, der Kirche
beizutreten. Er hat mich bereitge-
macht, so daß ich Zeugnis von
seinen Wahrheiten geben kann, und
das habe ich als sein Botschafter
auch getan, und zwar in der Mission
Barranquilla in Kolumbien. D
JUNI 1999
27
Einigkeit in der
Zweitfamilie
Eider Robert E. Wells Emeritiertes Mitglied der Siebziger und Präsident des Santiago-Tempels in Chile
Wenn Eltern eine
Zweitfamilie
schaffen, sehen sie sich
der Aufgabe gegenüber,
sowohl ihre Ehe als auch
das Verhältnis zu den
Kindern in ihrer
Familie aufzu-
bauen und zu
festigen.
Als mein Vater starb, blieb meine Mutter mit zwei
kleinen Jungen zurück. Nach einiger Zeit heira-
tete sie einen kinderlosen Witwer, und die beiden
bekamen gemeinsam einen Sohn. Ich wuchs also in einer
Familie auf, wo meine Eltern von „deinen/unseren"
Kindern hätten sprechen können. Doch für uns fünf war
unsere Familie nicht anders als jede andere Familie.
Wir vermieden Bezeichnungen wie „Stiefvater" und
„Halbbruder". Ich beispielsweise arrangierte mich damit,
daß ich zwei Väter hatte - einen biologischen Vater, der
mir ein reiches, edles Erbteil geschenkt
hatte, und einen zweiten Vater, der
mich erzog und mir ein weiteres
reiches, edles Erbteil zukommen
ließ. Meine beiden Brüder und ich wuchsen gemeinsam
auf und wurden gleich behandelt, obwohl mein jüngster
Bruder einen anderen Familiennamen trug. Unsere
„Zweitfamilie" funktionierte, weil wir einerseits Liebe
und Achtung erfuhren und andererseits auch die
Möglichkeit bekamen, zu dienen und Opfer zu bringen.
Von einer Zweitfamilie spricht man immer dann,
wenn ein oder beide Elternteile nicht die biologischen
Eltern der Kinder sind, die zu dieser Familie gehören.
Eine solche Zweitfamilie kann viele Ursachen haben,
beispielsweise eine Wiederheirat und die Adoption von
Kindern nach einer Scheidung oder dem Tod eines
Ehepartners.
Wie die Erstfamilie kann auch die Zweitfamilie
innerhalb und außerhalb der Kirche funktionieren und von
Liebe und Eintracht erfüllt sein. Dennoch
sieht sich die Zweitfamilie besonderen
Schwierigkeiten gegenüber, da Eltern
und Kinder in einer neuen Beziehung
und einer neuen Umgebung leben. Im
Falle einer Wiederheirat nach einer
Scheidung beispielsweise fühlen
sich die Kinder möglicherweise
zwischen zwei Erwachsenen und
zwei Familien hin- und hergerissen.
Wenn Eltern eine Zweitfamilie
schaffen, sehen sie sich der Aufgabe
gegenüber, sowohl ihre Ehe als auch
das Verhältnis zu den Kindern in
ihrer Familie aufzubauen und zu
festigen.
DER ENTSCHLUSS ZUR
WIEDERHEIRAT
Die Entscheidung für
die Zweitfamilie muß
sorgfältig überlegt und
unter Berücksichtigung
zahlreicher Faktoren
getroffen werden. Denn
nicht nur das heirats-
willige Paar, sondern
auch dessen Kinder,
Schwiegerkinder, Verwandte sowie ehemaliger Ehepartner
gehen eine enge Beziehung ein.
„Die Ehe ist möglicherweise die wichtigste
Entscheidung überhaupt; sie hat die weitreichendsten
Folgen, und zwar nicht nur für das Glück auf der Erde,
sondern auch für die Freuden in der Ewigkeit", hat
Präsident Spencer W. Kimball gesagt. „Sie betrifft nicht
nur die beiden heiratswilligen Menschen, sondern auch
deren Familie und vor allem deren Kinder und
Enkelkindern über viele Generationen hinweg."
(Marriage and Divorce, 1976, Seite 10.)
Der Herr hat gesagt: „Es ist nicht gut, daß der Mensch
allein bleibt." (Genesis 2:18.) Dennoch können die
Wiederheirat und die Bemühungen, eine funktionie-
rende Zweitfamilie zu schaffen, fehlschlagen, wenn sich
beide Partner nicht richtig darauf vorbereiten. Die
Entscheidung, noch einmal zu heiraten, ist nicht leicht
und darf nicht überstürzt werden. Wer geschieden ist,
empfindet manchmal viel Zorn und hat unter Narben zu
leiden, die er in der vorangegangen Ehe erlitten hat;
andere wiederum stellen unvernünftige Erwartungen an
die Zukunft, haben jedoch Schwierigkeiten, die
Vergangenheit ruhen zu lassen. Wer verwitwet ist,
braucht Zeit, um seinen Kummer zu verarbeiten. Sicher
ist es nicht der Idealzustand, allein zu sein, aber es ist
auch nicht gut, erneut zu heiraten und die
Anforderungen und Aufgaben auf sich zu nehmen, die
die Zweitfamilie mit sich bringt, wenn man dafür inner-
lich noch nicht bereit ist.
Zum Plan des himmlischen Vaters gehört, daß
Menschen die Ehe eingehen und Kinder ein Zuhause
haben, wo sie von Vater und Mutter erzogen werden.
Doch „Behinderung, Tod und sonstige Umstände mögen
eine individuelle Anpassung erforderlich machen". („Die
Familie - Eine Proklamation an die Welt", Der Stern,
Oktober 1998, Seite 24.)
Eine solche Erfahrung habe auch ich als erwachsener
Mensch machen müssen. Nachdem ich meine
Schulfreundin geheiratete hatte, bekamen wir drei süße
Kinder und führten gemeinsam das Leben, das wir
geplant und erhofft hatten. Doch dann kam meine Frau
bei einem tragischen Unfall ums Leben. Fast zwei Jahre
lang trauerte ich voller Verzweiflung, bis meine Eltern
und meine Schwiegereltern mich aufforderten, doch
über eine erneute Heirat nachzudenken - zu meinem
eigenen Wohl und zum Wohl meiner Kinder.
Nachdem ich gefastet und die Angelegenheit in ernstli-
chem Beten mit dem himmlischen Vater besprochen hatte,
spürte ich, daß es richtig war, eine neue Ehe einzugehen.
DIE WAHL DES EHEPARTNERS
Wenn sich jemand zur Wiederheirat entschlossen hat,
braucht er möglicherweise aber noch einige Zeit, um einen
Partner zu finden. Ich beispielsweise schrieb an mehrere
Freunde und Verwandte, die meine Lage kannten, und
erzählte ihnen von meinem Wunsch, eine neue Ehe einzu-
gehen. Ich fragte sie, ob sie vielleicht eine Frau kennen
würden, die bereit sei, darüber nachzudenken, ob sie an
drei Kindern Mutterstelle vertreten und die Frau eines
Distriktspräsidenten der Kirche und Bankiers werde wolle,
der in Südamerika lebte und nur wenig Zeit hatte.
Nachdem ich sechs Vorschläge bekommen hatte, fuhr ich
auf Urlaub in die Vereinigten Staaten, wo ich mich
schließlich gedrängt fühlte, mit meiner lieben Helen auszu-
gehen und sie zu fragen, ob sie meine Frau werden wolle.
Helen brachte eine zweijährige Tochter mit in die
Ehe, ich zwei Söhne im Alter von drei und sechs Jahren
und eine neunjährige Tochter. Später bekamen wir noch
drei weitere Töchter, so daß wir insgesamt sieben Kinder
hatten.
Unsere Ehe wurde nur dadurch möglich und auch
glücklich, daß wir beide eine Antwort vom himmlischen
Vater erhielten, der uns bestätigte, daß er mit unserer
Entscheidung, zu heiraten, einverstanden war. Ohne
diese stabile Grundlage wäre es sehr unklug gewesen,
schon nach so kurzer Zeit zu heiraten. Aber ich erwartete
nicht, daß der himmlische Vater die Arbeit für mich
machte. Ehe ich ihm die Angelegenheit im Gebet
vortrug, zog ich Erkundigungen über Helens Herkunft,
ihre Familie, ihr Zeugnis und ihre Verpflichtung dem
Herrn gegenüber ein. Gleichermaßen brachte Helen so
viel über mich in Erfahrung, daß sie das Gefühl hatte, wir
könnten zusammenpassen.
Während der Zeit des Werbens entdeckten wir
schnell drei wichtige Eigenschaften im anderen, die
notwendig sind, damit die Ehe und die Zweitfamilie
glücklich werden können:
• Charakter. Ist der zukünftige Partner im Besitz eines
Tempelscheins? Lebt er so, daß er des Geistes würdig ist?
Ist sein Leben vom Dienst im Gottesreich bestimmt?
•Befähigung. Kann der zukünftige Ehemann eine
Familie ernähren? Ist die zukünftige Ehefrau fähig und
DER
STERN
30
willens, die Kinder ihres Mannes mit aufzuziehen? Sind
beide fest entschlossen, eine glückliche Zweitfamilie
aufzubauen und sich dabei auf den himmlischen Vater zu
verlassen?
•Belastbarkeit. Haben sich beide durch Glauben,
Beten, Dienen und Opfern genug geistige Reserven
angelegt, auf die sie zurückgreifen können, wenn es beim
Aufbau der Zweitfamilie Schwierigkeiten gibt?
„Bei der Wahl des [Ehe] partners", hat Präsident
Kimball gesagt, „muß man auf jeden Fall sorgfältig
planen und nachdenken und beten und fasten,
damit man gerade in diesem Punkt keine falsche
Entscheidung trifft. In einer
funktionierenden Ehe müssen die
Partner sich einig sein - was den
Verstand und das Herz betrifft.
Man darf seine Entscheidungen
nicht allein aufgrund von Gefühlen
treffen. Doch Verstand und Herz
in Verbindung mit Fasten und
Beten und intensivem Nachdenken
eröffnen einem die größtmögliche
Chance, eine glückliche Ehe zu
führen." (Marriage and Divorce,
Seite 11.)
DIE ANFORDERUNGEN BEWÄLTIGEN
Nach der Eheschließung kann
das erhoffte glückliche Ende nur
durch viel angestrengte Arbeit,
Beten, Geduld und Beharrlichkeit
Wirklichkeit werden. Jede Familie
muß Schwierigkeiten bewältigen,
doch in der Zweitfamilie sind
bestimmte Probleme schwieriger in
den Griff zu bekommen. Unabhängig
davon, wie gut die beiden neuen
Partner auch zusammenpassen
mögen - sie müssen bereit sein,
sich den Prüfungen zu stellen, die
ihnen die neue Familie auferlegt.
Im folgenden finden Sie einige
Problempunkte und die entspre-
chenden Lösungsvorschläge, über die
in einer Zweitfamilie offen gespro-
chen werden sollte:
•Einigkeit. Der Herr hat gesagt: „Wenn ihr nicht
eins seid, dann seid ihr nicht mein." (LuB 38:27.)
Eine Zweifamilie, die vom Herrn anerkannt werden
will, muß sich um Einigkeit bemühen. Diese Einigkeit
beginnt mit den Eltern. Solidarität und Liebe
zwischen den Ehepartnern tragen dazu bei, Solidarität
und Liebe zwischen den Geschwistern zu schaffen.
Deshalb ist die Beziehung zwischen Mann und Frau
die wichtigste Voraussetzung für eine starke, einige
Familie.
Um Einigkeit zu schaffen, braucht die Familie gemein-
same Ziele und muß Zeit miteinander verbringen.
JUNI 1999
31
Der Besuch der Kirche, der Familienabend, das
Familiengebet, der Familienrat, Arbeitsprojekte, Ferien
und Freizeitaktivitäten bieten die Gelegenheit,
gemeinsam etwas zu unternehmen. Es ist wichtig, daß die
Zweitfamilie von den bisherigen Familienzielen und -
brauchen die besten auswählt und auch neue Ziele und
Bräuche schafft.
Stiefeltern brauchen Geduld. Weil die innere
Verbundenheit zwischen Stiefeltern und -kindern erst mit
der Zeit entsteht, kann es manchmal sogar Jahre dauern,
bis der Aufbau einer einigen, harmonischen Zweitfamilie
gelungen ist. Erwachsene und auch Kinder bringen in die
Zweitfamilie Erfahrungen und Erwartungen ein, die sich
auf die Beziehungen innerhalb der neuen Familie
auswirken können. Manchmal kann es sein, daß die
Stiefeltern nur eine untergeordnete Rolle im Leben eines
Kindes spielen dürfen. Doch anstatt sich in Konkurrenz
zu der Beziehung eines Kindes zu einem Elternteil zu
setzen, das nicht mehr zu Hause wohnt, müssen
Stiefeltern sich darauf konzentrieren, eine neue
Beziehung zu dem Kind aufzubauen.
Manche Kinder mögen zögern, zu einem neuen
Elternteil Vertrauen zu fassen. Dennoch darf man ihnen
nie das Gefühl geben, sie müßten um die Liebe dieses
Menschen wetteifern. Während
eine Stiefmutter beispielsweise nie
den Platz einnehmen kann, den
die verstorbene Mutter im Herzen
eines Kindes einnimmt, kann sie
sich doch in seinem Herzen eine
eigene Ecke schaffen, indem sie ihm
Liebe entgegenbringt und sich in
Geduld übt.
Jede Familie täte gut daran, sich
immer vor Augen zu halten, was die
Erste Präsidentschaft und das
Kollegium der Zwölf in ihrer
Proklamation zur Familie geschrieben
haben: „Erfolgreiche Ehen und
Familien gründen und sichern ihren
Bestand auf den Prinzipien Glaube,
Gebet, Umkehr, Vergebungsbereit-
schaft, gegenseitige Achtung, Liebe,
Mitgefühl, Arbeit und sinnvolle
Freizeitgestaltung." (Der Stern,
Oktober 1998, Seite 24.)
• Gespräche. Diplomatische,
aber dennoch offene und ehrliche
Gespräche sind notwendig, damit in
der Zweitfamilie Aufgaben festgelegt,
Grenzen gezogen und emotionale
Probleme bewältigt werden können.
Die Wunden, die Tod oder
Scheidung geschlagen haben -
Unsicherheit, fehlendes Selbstwertge-
fühl, mangelndes Selbstvertrauen
und Mißtrauen anderen Menschen
gegenüber - müssen offen besprochen
DER STERN
32
und bewältigt werden, so daß eine neue Linie gesunden
Verhaltens in der Familie gefunden werden kann. Nicht
alle in einer Familie schließen zum selben Zeitpunkt die
Tür zur Vergangenheit. Ein Witwer mag vielleicht für
eine neue Frau bereit sein, während seine Kinder noch
nicht für eine neue Mutter bereit sind. Solche Kinder
brauchen Eltern, die sie anspornen, über ihre Gedanken
und Gefühle zu sprechen.
„Eine Familie kann nur dann effektiv miteinander
kommunizieren, wenn es einen Gefühls- und Informations-
austausch gibt", hat Eider Marvin J. Ashton, ehemals
Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel, gesagt. „Die
Türen zur Kommunikation in der Familie schwingen
jedoch weit auf, wenn sich die Familienmitglieder bewußt
machen, daß dazu Zeit notwendig ist und daß alle mitma-
chen müssen. Unterschiede dürfen nicht ignoriert werden,
sondern müssen ruhig beurteilt werden. Die eigene
Meinung ist in der Regel nicht so wichtig wie eine gute,
dauerhafte Beziehung." („Family Communications, Ensign,
Mai 1976, Seite 52.)
Jeder in der Zweitfamilie muß die lieben Erinnerungen
und Gefühle respektieren, die die anderen für jemanden
hegen, der nicht mehr da ist. Bei einer Scheidung muß
man empfänglich für das Leid sein, das die anderen
erlitten und von dem sie sich möglicherweise noch nicht
erholt haben. Um auf allen Ebenen - Kind zu Kind,
Eltern zu Kind, Eltern zu Eltern, Ehepartner zur neuen
Verwandtschaft usw. - eine neue, gute Beziehung zu
schaffen, muß man freundliche, rücksichtsvolle
Offenheit an den Tag legen, die die anderen anspornt,
über ihre Gefühle zu sprechen.
•Siegelung. Jake Garn, ein ehemaliger US-Senator,
konnte sich nach dem Tod seiner Frau Hazel im Jahre
1976 nur schwer zu einer erneuten Heirat entschließen.
Doch ihm wurde ziemlich schnell bewußt, daß er für
seine Kinder nicht Vater und Mutter zugleich sein
konnte. Als er anfing, mit Kathleen Brewerton auszu-
gehen, die später seine zweite Frau werden sollte, stellte
sich bald die Frage, wie seine erste Frau wohl dazu
stehen würde, wenn er sich an eine zweite Frau siegeln
ließ. Die beiden gingen mit ihren Fragen zu Präsident
Spencer W. Kimball.
„Er sagte, er wisse auch nicht genau, was in einer
solchen Situation geschähe, aber er wisse jedenfalls, daß
alles gut würde, wenn wir Glauben hätten, und daß uns
viel Freude zuteil würde", erinnerte sich Bruder Garn
später. „Kathleen sagte ihm, sie habe Angst, Hazel zu
kränken. Doch da schien sich Präsident Kimballs
Verhalten zu ändern. Hatte er zu Beginn noch zögerlich
geantwortet, so sprach er jetzt mit fester Gewißheit. Er
schaute Kathleen gerade ins Gesicht, und während sich
in seinem Auge eine Träne bildete, sagte er: ,Ich weiß
nur eins: Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.
Hazel wird Sie nicht nur anerkennen, sondern auch
in den Arm nehmen und Ihnen dafür danken, daß Sie
ihre Kinder großgezogen haben.'" (Why l Believe, 1992,
Seite 13.)
Niemand in der Familie muß sich Sorgen darüber
machen, wer nun an wen gesiegelt ist und wie sich das
alles im nächsten Leben darstellen mag. Es geht doch nur
darum, daß wir hier und jetzt nach dem Evangelium
leben und unsere Mitmenschen lieben, vor allem unsere
Angehörigen. Wenn wir so gut wie möglich nach dem
Evangelium leben, wird der Herr uns in seiner Liebe und
Barmherzigkeit im nächsten Leben segnen, und alles
wird gut.
Ich habe miterlebt, wie Zweitfamilien innerlich über
die Frage zerrissen sind, wer im nächsten Leben zu wem
gehört und wer mit wem Zusammensein wird. Meine
Mutter, die an meinen verstorbenen Vater gesiegelt ist,
ist mit einem Witwer verheiratet, der wiederum an seine
erste Frau gesiegelt ist, die kinderlos starb. Meine Mutter
und ihr zweiter Mann haben einen Sohn, der mein
Bruder ist. Wir machen uns keine Gedanken darüber,
wer später an wen gesiegelt ist. Wir vertrauen einfach auf
die Weisheit des Herrn, lieben einander und bemühen
uns, ein rechtschaffenes Leben zu führen.
• Körperliche Nähe. Ein Ehepaar soll sich aneinander
„binden" und „ein Fleisch" sein (siehe Matthäus 19:5).
Damit die körperliche Nähe in der neuen Ehe Erfüllung
schenkt, muß man Verständnis, Fürsorge, Rücksicht und
Zartgefühl walten lassen.
Ein Paar muß auf freundliche, einfühlsame Weise
offen füreinander sein. Wenn der eine Partner glaubt,
körperliche Nähe sei unnötig, weil die neue Familie
schon groß genug sei, oder wenn der andere glaubt, ab
einem bestimmten Alter sei körperliche Nähe nicht
mehr so wichtig, dann kann es zu Mißverständnissen
kommen. Selbst wenn dieses Thema vor der Ehe bespro-
chen worden ist, muß man unter Umständen erneut
darauf eingehen, weil sich die Einstellung, die gesund-
heitliche Situation oder die Lage geändert haben.
JUNI 1999
33
Präsident Gordon B. Hinckley rät: „Ich habe die
Erfahrung gemacht, daß eine glückliche Ehe nicht so
sehr auf dem Verliebtsein beruht, sondern vielmehr
darauf, daß man eifrig um das Wohlergehen seines
Partners besorgt ist. Wenn man nur an sich selbst und an
die Erfüllung der eigenen Wünsche denkt, kommen
weder Vertrauen noch Liebe zueinander zustande, und
man ist nicht glücklich. Nur wenn man selbstlos ist, kann
die Liebe mit all ihren Begleiterscheinungen wachsen
und gedeihen." („Ich glaube", Der Stern, März 1993,
Seite 7.)
•Finanzen. Die finanzielle Situation einer
Zweitfamilie kann wegen der Vermögenssituation
und der Schulden aus der vorangegangenen Ehe
schwierig sein. Möglicherweise müssen Ehegatten- und
Kindesunterhalt gezahlt werden, und so muß man seinen
gewohnten Lebensstandard vielleicht ändern, weil das
Einkommen sonst nicht reicht oder weil die Familie
größer wird und mehr Kinder ernährt und eingekleidet
werden müssen.
Alle in der Familie müssen über die finanzielle
Situation und Engpässe Bescheid wissen. Wenn alle
gemeinsam eine angemessene Ausgabenplanung
aufstellen und finanzielle Prioritäten setzen, gibt es
weniger Mißverständnisse. Sprechen Sie häufig über die
finanzielle Situation Ihrer Familie, und bevorzugen Sie in
Gelddingen niemanden. Bei Bedarf können Sie den
Bischof oder einen qualifizierten Berater um Rat bitten.
Wie jede andere Familie darf auch die Zweitfamilie
nicht vergessen, was für Segnungen der Herrn denje-
nigen verheißen hat, die getreu den Zehnten zahlen.
„Zu den besten mir bekannten Möglichkeiten, wie
man seinen Verpflichtungen gegenüber seinem Bruder,
seinem Nächsten und seinen Geschäftsfreund nach-
kommen kann, gehört es, daß man zuerst seiner Pflicht
gegenüber dem Herrn nachkommt", hat Präsident Joseph
F. Smith gesagt. „Ich kann mehr bei meinem Nächsten
abzahlen, sofern ich mich bei ihm in Schulden gestürzt
habe, wenn ich meiner Pflicht gegenüber dem Herrn
nachgekommen bin. Alles anderes ist dann zu vernach-
lässigen." (Gospel Doctrine, 1939, Seite 259 f.)
• Disziplin. Eltern können ein Kind nur dann diszipli-
nieren, wenn sie vorher ein festes Band der Liebe, der
Zuneigung, des Vertrauens und der Fürsorge geschaffen
haben. Wenn ein neuer Vater bzw. eine neue Mutter
noch kein Band der Liebe geschaffen hat, faßt das
Kind jede Disziplinierung unter Umständen als
Zurückweisung auf.
„Vor allem aber müssen Kinder wissen und spüren, daß
man sie liebt, daß sie erwünscht sind und daß man sie
schätzt", hat Präsident Ezra Taft Benson gesagt. „Das
muß man ihnen immer wieder sagen." („Fundamentals of
Enduring Family Relationships", Ensign, November 1982,
Seite 60.)
In einer Zweitfamilie müssen die Eltern schon frühzeitig
nach der Heirat festlegen, welche Verhaltensregeln und
Disziplinierungsmethoden gelten sollen. Allerdings
müssen beide auch bereit sein, diese Pläne im Umgang mit
den Kindern in ihrer neuen Familie anzupassen. Wenn die
Eltern sich nicht einig sind, verwirren sie die Kinder nur.
„Um zu wissen, was der andere von Disziplin hält, muß
man aktiv zuhören und Unterschiede respektieren. Doch
mit Verständnis lassen sich unterschiedliche
Auffassungen auf einen gemeinsamen Nenner bringen,
und das Paar kann einen einheitlichen Ansatz
entwickeln." Qeffry H. Larson, „How to Unke a Step-
Family", Ensign, Februar 1987, Seite 48 f.)
Es kann auch zu Spannungen führen, wenn die
Kinder ihre Zeit zwischen ihren geschiedenen biologi-
schen Eltern aufteilen müssen. Weil Regeln und
Erwartungen in jeder Familie anders sind, brauchen die
Kinder Zeit, um sich an die Erwartungen anzupassen und
diese zu verinnerlichen.
Aktivitäten wie der Familienabend, Gespräche
zwischen Vater bzw. Mutter und Kind und der Besuch
der Versammlungen können die wertvolle Möglichkeit
bieten, zu unterweisen, zu korrigieren und Kinder in
erwünschtem Verhalten zu bestärken. Manche Paare
haben es für notwendig erachtet, daß der biologische
Vater für beide Eltern spricht - zumindest solange, bis
der angeheiratete Vater das Vertrauen und die Liebe der
Kinder gewonnen hat.
Manchmal versuchen Kinder, sich zwischen die Eltern
zu drängen und diese zu manipulieren. In diesem Fall
muß sich das Paar gemeinsam entschließen, gerecht und
konsequent auf der Einhaltung von Regeln und dem
Ziehen von Konsequenzen zu bestehen. Sonst gibt es
keine Disziplin mehr. Die Eltern können es aber schaffen,
wenn sie „meine Kinder" und „deine Kinder" wie „unsere
Kinder" behandeln.
•Ex-Partner. Nach einer Scheidung müssen die Ex-
Partner persönliche Vorurteile und Vorbehalte zu ihrem
DER STERN
34
eigenen Wohl und zum Wohl der Kinder ausblenden. Im
Gegenteil - sie müssen sich sogar bemühen, eine gute
Beziehung zu erhalten. Geschiedene Eltern und deren
neue Partner können die Kinder viel besser aufziehen,
wenn sie sich gemeinsam darum bemühen.
Schwierigkeiten mit dem Ex-Partner müssen unter vier
Augen besprochen werden. Das neue Paar muß den
Kontakt zwischen den Kindern und ihrem ausgezogenen
biologischen Vater bzw. ihrer biologischen Mutter
fördern. Niemand hat etwas davon, wenn der Ex- Partner
kritisiert wird, der die Bemühungen der Zweitfamilie um
Einigkeit wiederum stark beeinflussen kann.
Wenn der Ex-Partner den Kontakt zum Kind abbricht
und keinen weiteren Kontakt wünscht, dann muß die
Familie gemeinsam die innere Leere füllen, die dies im
Kind hinterläßt. Es ist sehr wichtig, daß das Kind spürt,
wie sehr seine Familie - auch der Stiefvater bzw. die
Stiefmutter - es liebt, akzeptiert und unterstützt.
Vielleicht muß man dem Kind auch immer wieder sagen,
daß es keine Schuld an der Situation trägt. Vielleicht
ändert sich die Einstellung des interesselosen Elternteils
ja auch eines Tages, und aufgrund einer geänderten
Situation wird wieder Kontakt zum Kind gewünscht. Auf
jeden Fall muß die ganze Familie dem Kind zu verstehen
geben, daß es trotz seines gegenwärtigen Kummers und
seiner Enttäuschung eine vollständige Familie haben und
wie jedes andere Kind aufwachsen kann.
Die Kinder einer Zweitfamilie haben doppelt so viele
Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins wie
vorher. Und auch die Eltern haben jeder eine
Schwiegerfamilie dazubekommen. Sie alle bilden die
Großfamilie des Kindes und haben - zumindest bis zu
einem gewissen Grad - Interesse an ihm. Besuche,
Familienzusammenkünfte und gemeinsame Feiern setzen
Kompromißbereitschaft und gute Planung voraus.
Damit die Familie glücklich wird, muß man unge
wohnliches geistiges Durchhaltevermögen an den
Wer den Preis für eine glückliche
Zweitfamilie zahlt,
kann die Freude
erleben, die
allen zuteil wird,
die „liebevoll
miteinander
leben".
Tag legen. Erwachsene, die in einer Zweitfamilie leben,
wissen sehr gut, daß sie für den ewigen Fortschritt und
das Wohlergehen ihrer Familie jedes Opfer bringen,
jede Quelle geistiger Kraft nutzen und jede effektive
Methode anwenden müssen. Doch wer den Preis für eine
glückliche Zweitfamilie zahlt, kann die Freude erleben,
die allen zuteil wird, die „liebevoll miteinander leben"
(LuB 42:45). D
BmH9!P'M"BVP
DIE ANTWO
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Elizabeth Quackenbush
ILLUSTRATION VON GREG NEWBOLD
ie Frau auf der anderen
Seite des Ganges fiel mir
unwillkürlich auf. Mit
weitaufgerissenen Augen sah sie
sich im Bus um, während sie ihre
mageren Hände vor der Brust
zusammenpreßte. Immer wieder
spähte sie aus dem Fenster, schüt-
telte ihr dünnes Haar und gab selt-
same Geräusche von sich. Sie
wurde immer unruhiger, und ich
begann mich zu fragen, ob sie wohl
gleich außer sich geraten würde.
Also schaute ich lieber aus dem
Fenster und versuchte, sie zu igno-
rieren. Aber die Neugier zwang
mich, immer wieder hinzusehen.
Da sah ich, daß sie Tränen in den
Augen hatte, und überlegte, was sie
wohl haben mochte. Ich wollte ihr ja
helfen, aber wenn sie nun außer sich
geriet? Dann hätte ich nicht gewußt,
wie ich mich verhalten sollte.
Außerdem, so dachte ich, muß ich
pünktlich in der Schule sein und an
der nächsten Haltestelle aussteigen.
Dann schaute ich sie wieder an
und sah die Angst in ihren Augen.
Ehe ich mich versah, war ich schon
aufgestanden, zu ihr hinüberge-
gangen und hatte mich neben sie
gesetzt.
„Ist alles in Ordnung?", fragte ich.
„Brauchen Sie vielleicht Hilfe?"
Sie hatte Tränen in den Augen,
und ihre Hände zitterten. Dann
wandte sie mir ihr feingeschnit-
tenes Gesicht zu, und ich sah die
Verwirrung in ihren Augen. Ich
fragte noch einmal: „Ist alles in
Ordnung?"
Sie sah auf ihre grüne Handtasche
hinunter und suchte mit zitternden
Händen nach einem Stift und einem
Notizblock. Dann begann sie zu
schreiben: „Haben wir Ottawa
schon verlassen? Ich befürchte, ich
habe den falschen Bus genommen."
Ich nahm den Stift und schrieb:
„Sind Sie taub?" Sie nickte. „Keine
Angst", schrieb ich weiter. „Wir
werden die Sache schon in Ordnung
bringen."
Inzwischen waren wir an der
Haltestelle angelangt, wo ich
aussteigen mußte. Doch obwohl mir
klar war, daß ich nun zu spät zur
Schule kommen würde, stieg ich
nicht aus. Statt dessen ging ich nach
vorn zum Fahrer, und er telefonierte
mit der Einsatzzentrale und ließ sich
Weisungen geben. Ich schrieb der
Dame auf, wie sie fahren mußte, und
der Busfahrer sagte, er werde
persönlich dafür sorgen, daß sie den
Anschlußbus bekam.
„Wie heißen Sie?", schreib ich
noch schnell, ehe ich an der näch-
sten Haltestelle ausstieg, die schon
ziemlich weit von meiner Schule
entfernt war.
„Anna", kritzelte sie. „Danke. Du
bist die Freundin, um die ich gebetet
habe." Dann breitete sich ein stilles
Lächeln auf ihrem Gesicht aus, das
die braunen Augen strahlen ließ. Ich
konnte ihre Liebe und Dankbarkeit
spüren. Als ich zurücklächelte,
fühlte ich mich ihr wie durch ein
inneres Band verbunden.
Als sich die Bustüren hinter mir
schlössen und ich ihr zum Abschied
winkte, war ich heilfroh, daß ich
Anna die furchterregende Reise
nicht allein hatte machen lassen.
Mit einem Lächeln auf den Lippen
rannte ich den ganzen Weg bis zur
Schule. Ich war froh, daß ich auf die
Eingebungen des Heiligen Geistes
gehört hatte, daß jemand meine
Hilfe brauchte. D
1
WIR WOLLEN
DICH HIER
NICHT!"
Ich wollte es einfach nicht glauben.
Meine eigene Seminarklasse sagte mir,
ich solle in Zukunft nicht mehr kommen.
Wie Sam Giles es Christie Giles erzählt hat
Wir zogen in einem der heißesten Monate des
Jahres in eine kleine Wüstenstadt in den
Vereinigten Staaten. Doch die Jugendlichen
der Kirche nahmen mich eher kühl auf.
Ich war damals fünfzehn Jahre alt und schon zehnmal
umgezogen. Also hatte ich schon Erfahrungen damit, wie
man Freunde gewinnt. Ich versuchte alles Mögliche, um
das Eis zu brennen, aber fünf Monate später hatte ich
noch immer keinen einzigen Freund in der Kirche
gefunden.
Glücklicherweise hatte ich in der Schule viele Freunde,
die nicht der Kirche angehörten. Doch das erleichterte
mir den Besuch des Seminars am frühen Morgen und der
Versammlungen der Kirche auch nicht gerade. Fünf
Monate lang saß ich im Seminar, ohne daß jemand mit mir
gesprochen hätte, von unserem Lehrer einmal abgesehen.
Und in der Sonntagsschulklasse blieb zwischen mir und
den übrigen Schülern immer ein Stuhl frei.
Tom Jeppson* war der Anführer der Jugendlichen in
der Kirche. Er sprach die ganze Zeit kein einziges Wort
mit mir. Eigentlich war ich mir gar nicht sicher, ob er
mich überhaupt bemerkt hatte, bis er mich eines
Morgens an der Tür zum Seminarraum abpaßte.
„Geh nach Hause. Wir wollen dich hier nicht", sagte er.
Ich fing an zu lachen. Das hatte er doch nie im Leben
ernst gemeint, oder? Doch als ich ihn anschaute, sah ich,
daß er keinen Scherz machte. Ich sah auf die anderen
* Name von der Redaktion geändert
Jugendlichen, die dicht hinter ihm standen. Sie sagten
kein einziges Wort, und das konnte ja nur bedeuten, daß
sie damit einverstanden waren.
Als ich mich ab wandte, hörte ich, wie die Tür hinter
mir zugeschlagen wurde und gedämpftes Gelächter aus
dem Raum drang.
Ich gehe nie wieder zum Seminar, schwor ich mir, als ich
zur High School hinüberging, die ganz in der Nähe war.
Und die anderen sind daran schuld.
Der Tag war endlos lang. Nach der Schule fuhr ich mit
dem Bus zurück, ging aber nicht nach Hause. Statt
dessen machte ich mich auf den Weg zu meinem
Seminarlehrer. Er wohnte nur ein paar Häuser weiter,
und ich mochte ihn - und auch seine ganze Familie -
eigentlich sehr.
In der Regel holte er mich jeden Morgen ab und nahm
mich mit zum Seminar. Also wollte ich ihm sagen, daß
das nicht mehr nötig sei. Aber im Grunde sehnte ich
mich nur nach ein wenig Mitleid.
Schwester Murray öffnete mir. Ihr Mann war noch
nicht zu Hause, aber sie lud mich zu einer Limonade ein.
Und schon bald erzählte ich ihr die ganze Geschichte.
Sie bekundete auch ihr Mitgefühl, bis ich sagte, daß ich
nun nie wieder zum Seminar und vielleicht auch nie
wieder zur Kirche gehen würde.
„Wenn die Kirche wirklich wahr wäre, würden sich die
Leute nicht so verhalten", sagte ich.
Ich erwartete, daß sie mich bat, mir die ganze
Angelegenheit doch noch einmal zu überlegen. Ich
wollte, daß sie mir sagte, sie werde mit den Eltern der
Jugendlichen sprechen und diesen eine Menge Ärger
machen. Ich war eigentlich davon überzeugt gewesen,
daß sie so gut wie alles tun würde, nur damit ich nicht
inaktiv wurde. Doch statt dessen sagte sie: „Wenn du
JUNI 1999
39
meinst. Du schadest aber nicht den anderen, wenn du
nicht mehr zur Kirche gehst. Du schadest nur dir selbst."
Ich war zu verblüfft, um zu antworten. Also trank ich
schnell meine Limonade aus und sagte ihr, ich müsse nun
gehen.
Drei Wochen lang ging ich weder zum Seminar noch
zur Kirche. Mein Seminarlehrer rief ein paarmal an, um
sich nach mir zu erkundigen. Das Seminar fehlte mir,
aber ich war zu stolz, um es zuzugeben. Außerdem redete
ich mir ein, die anderen hätten bestimmt ein ziemlich
schlechtes Gewissen, daß sie mich dazu getrieben hatten,
inaktiv zu werden. Ich tröstete mich damit, daß der Herr
es ihnen am Tag des Gerichts schon heimzahlen werde.
Trotzdem mußte ich immer daran denken, was
Schwester Murray gesagt hatte, nämlich daß ich nur mir
selbst schaden würde. Dann fiel mein Blick eines Tages
beim Lesen im Buch Mormon auf die folgende Schriftstelle:
„Seht zu, daß ihr alles in Würdigkeit tut und daß ihr es im
Namen Jesu Christi tut, des Sohnes des lebendigen Gottes;
und wenn ihr dies tut und bis ans Ende ausharrt, werdet ihr
keineswegs ausgestoßen werden." (Mormon 9:29.)
Als ich diese Worte las, zog der Geist in mein Herz,
und mir wurde bewußt, daß Schwester Murray recht
hatte. Es stimmt, die Jugendlichen hatten sich ziemlich
unmöglich verhalten. Aber sie konnten mich nicht
davon abhalten, zur Kirche zu gehen, wenn ich dorthin
gehen wollte. Und am schönsten war - sie konnten mich
auch am Ende, wo es wirklich darauf ankommt, nicht
ausstoßen, wenn ich bis dahin ausharrte.
Ich stand auf und stellte meinen Wecker auf fünf Uhr,
damit ich am nächsten Morgen das Seminar ja nicht
verpaßte.
Wir hatten schon fünf Monate in einer heißen,
windigen Wüstenstadt gewohnt, ohne daß sie etwas
geändert hatte. Doch dann vollzog sich in meinem
Herzen eine Wandlung. Zum ersten Mal wurde mir
bewußt, daß ich allein für meine Errettung verantwort-
lich bin. Ich habe nie wieder auch nur einen einzigen
Seminarunterricht oder eine einzige Versammlung der
Kirche verpaßt. Und obwohl die Jugendlichen noch
immer kühl zu mir waren, machte es mir nichts mehr aus.
Ich war von der Wärme des Evangeliums erfüllt. D
KEINE FREMDEN MEHR
Leider gibt es Menschen wie der Junge in der vorste-
henden Geschichte, die sich von den übrigen
Mitgliedern ihrer Altersgruppe nicht akzeptiert
fühlen. Doch gerade in der Kirche darf sich niemand
allein fühlen. Ist jemand neu in deiner Gemeinde bzw.
deinem Zweig? Dann nimm dir die Zeit, ihn
kennenzulernen. Wenn du ihm mit freundlichen
Worten signalisierst, daß ihr ihn in eure Gruppe
aufnehmt, förderst du damit die positive
Verbundenheit, die in jeder Jugendgruppe
herrschen sollte. Doch wenn du andere
aus deinem Freundeskreis ausschließt,
verzichtest du damit auf die
Möglichkeit, ihr Zeugnis - und auch
dein eigenes - zu festigen.
Präsident Gordon B. Hinckley hat
uns ermahnt: „Seid freundlich. Seid
verständnisvoll. Seid tolerant.
Seid rücksichtsvoll. Achtet
die Ansichten und Gefühle
anderer. Macht euch ihre
Tugenden bewußt, und sucht
nicht nach Fehlern. Sucht vielmehr
nach Stärken und Tugenden, und dann werdet ihr
Stärken und Tugenden finden, die euch selbst helfen."
(Fernsehinterview mit Phil Riesen, Salt Lake City,
Utah, 12. Mai 1995.) D
STERN
40
ICH PASSE EINFACH
NICHT DAZU!
Jeanette Waite Bennett
Hast du manchmal das Gefühl, du stündest
draußen vor einem Fenster und sähest hinein,
während die anderen drinnen ihren Spaß
haben und einander in Freundschaft verbunden sind?
Auch wenn du so etwas schon einmal erlebt hast, vor
allem in der Kirche, dann muß das nicht zwangsläufig
so bleiben. Jeder fühlt sich von Zeit zu Zeit allein. Aber
es gibt viele Möglichkeiten, wie du dich wohler fühlen
und selbst ein besserer Freund sein kannst.
WAS DU TUN MUSST
■ Sei geduldig. Über Nacht ändert sich nichts. Aber
du kannst deine Einstellung ändern. Hör nicht auf, zur
Kirche zu gehen, auch wenn du dich dort zuerst nicht
besonders wohl fühlst.
■ Lächle. Andere lächeln dann zurück.
■ Melde dich, bei der Planung und Durchführung
einer Aktivität zu helfen. Wenn du mitten im Geschehen
bist, fühlst du dich zugehörig, und außerdem ist es
meistens so, daß die anderen auch mithelfen wollen.
■ Wenn du mit jemandem spricht, dann schau ihm
in die Augen..
■ Entwickle deine Talente und laß andere daran teil-
haben. Wenn du eine positive Einstellung zu dir selbst
hast, fühlst du dich auch bei anderen Menschen wohl.
■ Gewöhn dir an, auf ansprechende, saubere
Kleidung zu achten. Dann fühlst du dich im Umgang
mit anderen Menschen sicherer.
■ Such nach Interessen, die du mit anderen teilst.
Fahrrad fahren, Klavier spielen oder Lernen beispiels-
weise macht einfach mehr Spaß, wenn mehrere
mitmachen. Wenn du dich mehr auf eine Aktivität als
auf dich selbst konzentrierst, denkst du auch weniger
an dich und bist weniger schüchtern.
KONZENTRIERE DICH AUF ANDERE
■ Setz dir Ziele. Versuch, dir selbst Aufgaben zu
stellen, beispielsweise jede Woche zwei, drei neue
Leute kennenzulernen. »
■ Unterhalte dich mit anderen Leuten über sie.
Lerne, wie man Fragen stellt und Komplimente
macht.
■ Merk dir Namen und sprich die Leute mit ihrem
Namen an.
■ Schließ Freundschaft mit denen, die dir einsam
erscheinen. Halte Ausschau nach jemand, der deine
Hilfe braucht.
DER HERR IST AUF DEINER SEITE
■ Lies jeden Tag im Buch Mormon. Das beruhigt
und schenkt dir die richtige Einstellung - nicht nur,
um neue Leute kennenzulernen, sondern auch, um
ihnen ein gutes Beispiel zu geben.
■ Denk daran, daß du nicht allein bist. Wenn du
einmal anfangen solltest, dich selbst zu bemitleiden,
dann versuch, dich hinzuknien. Der himmlische Vater
versteht alles.
■ Der Erretter hat Schwierigkeiten und Verfolgung
ertragen, die ihm das Gefühl gaben, bei seinen Zeitge-
nossen nicht willkommen zu sein. Wenn du an das
Opfer denkst, das er gebracht hat, kannst du deine
eigenen Probleme leichter in die richtige Perspektive
rücken.
■ Bitte den Herrn, Schwaches für dich stark zu
machen (siehe Ether 12:27). Der himmlische Vater gibt
dir keine Prüfungen, die du nicht bestehen kannst (siehe
1 Nephi 3:7). Wenn du dir aufrichtig wünscht, freundli-
cher zu werden und dich
wohler zu fühlen, dann hilft
er dir auch dabei. D
Jungen Menschen das
Gefühl geben, daß sie
dazugehören
Brad Wilcox
FOTO VON STEVE BUNDERSON
Ich hatte eigentlich nie das Gefühl, daß ich in die
Kirche passen könnte", sagte ein Mädchen, das
zum ersten Mal eine Jugendaktivität der Kirche
besuchte. Und ein Junge fügte hinzu: „Obwohl ich
zur Kirche gehöre, hatte ich nie das Gefühl, daß ich
erwünscht bin und gebraucht werde. Ich habe mich nie
zugehörig gefühlt." Beide nehmen mit ihren
Äußerungen Bezug auf eine Zeit, wo sie begeisterte
Mitglieder einer Jugendbande waren.
Wie die beiden jungen Menschen hat jeder das
Bedürfnis, dazuzugehören. Der Mensch ist ein soziales
Wesen, und deshalb braucht er die Geborgenheit und
den Schutz, den das Zugehörigkeitsgefühl bietet. Wir als
Heilige der Letzten Tage, als Bundesvolk, das ein einzig-
artiges Religionsverständnis und eine einzigartige
Sichtweise teilt, finden Kraft und Freude in der
Gemeinschaft und in der Gewißheit, daß wir Kinder des
himmlischen Vaters und Teil seines großen Planes des
Glücklichseins sind. Das Zeugnis vom wiederherge-
stellten Evangelium und der Dienst in der Kirche lassen
in uns ein starkes Zugehörigkeitsgefühl entstehen.
Doch wenn dieses Bedürfnis, dazuzugehören, aus
irgendeinem Grund nicht in einem positiven Umfeld
erfüllt wird, neigen junge Menschen dazu, sich dessen
Erfüllung in anderen, weniger wünschenswerten
WIE KANN MAN VERHINDERN,
DASS JUNGE MENSCHEN IN EINEN
FALSCHEN FREUNDESKREIS
GERATEN? SCHAFFEN SIE IN DER
KIRCHE EINEN KREIS VON
FREUNDEN, DIE GEMEINSAM ETWAS
UNTERNEHMEN.
DER
STERN
42
Gruppen zu suchen. Dies bereitet den Eltern und den
Führern der Kirche dann große Sorgen. Was können
Eltern und Führer tun, damit sich junge Menschen
zugehörig fühlen?
Ein Bischof, der sich Sorgen machte, weil mehrere junge
Leute aus der Gemeinde sich intensiv mit fragwürdigen
Gruppen in der Schule abgaben, hat folgendes erzählt: „Ich
habe mich mit den Jugendführern zusammengesetzt und
die Lage besprochen. Wir kamen zu dem Schluß, daß es
wenig Sinn habe, die jungen Leute davon abzubringen, sich
mit solchen Gruppen abzugeben. Wir wollten uns statt
dessen bemühen, ihnen verstärkt das Gefühl zu geben, in
unsere Gruppe zu gehören. Wenn sie sich in der Kirche
stärker akzeptiert fühlten, dann würden sie vielleicht nicht
mehr draußen nach Geborgenheit suchen."
Die Jugendführer schlugen vor, mehr Aktivitäten zu
veranstalten, doch der Bischof meinte, daß man
Wenn junge Leute in die Planung von
Aktivitäten einbezogen werden, wächst
ihr Interesse, und es nehmen auch mehr
junge Menschen an der Aktivität teil.
Jugendliche mit Zusammenkünften und Aktivitäten
zwar hervorragend einbinden könne, daß eine Aktivität
allein aber noch keine Anwesenheitszahlen garantiere
und daß Anwesenheit an sich ja auch noch keine
Garantie dafür sei, daß sich die jungen Menschen
zugehörig fühlten. „Wenn man nicht sorgfältig plant",
erklärte der Bischof, „kann man leicht eine Aktivität
veranstalten, ohne zu den Jugendlichen durchzu-
dringen".
Im folgenden finden Eltern und Führer Vorschläge,
die sie berücksichtigen können, wenn es darum geht,
jungen Menschen das Gefühl zu geben, dazuzugehören:
Beziehen Sie die Jugendlichen in die Planung mit
ein. Eine JD -Leiterin hat erklärt, wie man es schafft,
Jugendaktivitäten zu veranstalten, die von zahlreichen
Jugendlichen besucht werden und die Einigkeit fördern:
„Unsere Aktivitäten werden viel besser angenommen,
seit wir die jungen Leute auffordern, verstärkt bei der
Planung und Durchführung zu helfen. Sie hatten viele
gute Ideen, beispielsweise ein Dienstsprojekt an der
Grundschule oder ein Büffet, bei dem jeder für eine
andere Speise zuständig ist. Und weil das ihre eigenen
Ideen waren, lag ihnen die erfolgreiche Durchführung
auch am Herzen." Wenn man jungen Leuten die
Möglichkeit gibt, mitzuhelfen, merken sie oft, daß es
genausoviel Spaß machen kann, eine Jugendkonferenz,
einen Tanzabend oder eine Aktivität vorzubereiten, wie
daran teilzunehmen.
Machen Sie sich die vielen unterschiedlichen
Interessen bewußt. „Ich gehe nie zu den JM-
Aktivitäten, weil dort immer nur Basketball gespielt
wird, und darin bin ich nicht besonders gut", erzählt ein
Junge. Zwar treiben viele junge Leute gerne Sport, aber
wenn außer Sport nichts auf der Tagesordnung steht,
fühlen sich manche ausgegrenzt. Durchbrechen Sie also
die bisherige Routine, und planen Sie einmal einen
Ausflug zu interessanten Stätten in der Nähe, gehen Sie
ins Theater, oder bieten Sie den Jugendlichen verschie-
dene Sportarten zum Aussuchen an. Ein JM-Leiter
befürchtete, die Jungen könnten sich beschweren, als er
ihnen vorschlug, zur Abwechslung einmal auf die
Bowlingbahn zu gehen, Golf zu spielen oder schwimmen
zu gehen. „Doch ganz im Gegenteil", sagte er. „Sie
fanden es spannend, etwas Neues auszuprobieren."
Dieser JM-Leiter bemühte sich auch, jeden weiterhin
einzubeziehen, indem er eine Sportart manchmal auf
unkonventionelle Weise spielen ließ. So planten die
Jugendlichen beispielsweise ein Freiluft-Volleyballspiel
mit dem Wasserball und ein Basketballspiel mit
Kinderringen bzw. Miniaturbällen. Der JM-Leiter
erzählt: „Indem wir die Spielart einer Sportart abwan-
delten und eigene Regeln erfanden, machten wir es
weniger sportlichen Mitspielern leichter, sich wohl zu
fühlen."
Halten Sie Gemeindebräuche ein bzw. schaffen Sie
solche Bräuche. Kaum etwas stärkt das Zugehörigkeits-
gefühl nachhaltiger als gemeinsame Bräuche. Inzwischen
ist ja weithin bekannt, wie wichtig solche Bräuche für das
Familienleben sind. Ein besonderes Abendessen aus
Anlaß der Taufe eines Kindes beispielsweise fördert die
Einigkeit zwischen Eltern und Kind. Dieses Gefühl der
Verbundenheit entsteht auch dann, wenn die örtlichen
Führer der Kirche junge Menschen in Aktivitäten
einbinden, die sich dann zu Bräuchen weiterentwickeln.
Eine Gemeinde führt beispielsweise jedes Jahr einen
Kulturabend durch.
Einer jungen Frau namens Stacie wurde der Wert
solcher Bräuche bewußt, als sie in eine neue Gemeinde
zog. Die ersten Sonntage waren schwer. Stacie sagte
ihren Elt;ern sogar, sie wolle nicht mehr zur Kirche gehen.
Doch genau in dieser Woche rief ihre Beraterin an und
lud sie zu einer bevorstehenden Jugendaktivität ein.
Stacie erinnert sich: „Ich wollte mir gerade eine Ausrede
einfallen lassen, als die Beraterin sagte, daß es jedes Jahr
einmal eine große Tanzparty gäbe. Nun war mein
Interesse geweckt. Ich überlegte mir, daß das wohl Spaß
machen würde, wenn es diese Aktivität jedes Jahr gab.
Also ging ich hin, und von da an wurde es besser."
Weihnachtslieder im Dezember, Autowaschen im
Sommer, ein spezielles Abendessen, wenn eine Junge Dame
ihre Auszeichnung erhält - jede Aktivität, die es Menschen
ermöglicht, gemeinsam Spaß zu haben und ein Ziel zu
verfolgen, kann regelmäßig stattfinden.
Merken Sie sich Namen. Ein Jugendführer hat
gesagt. „Einmal besuchte ich eine Fireside, auf der ein
Gastsprecher eine Ansprache hielt, der nicht aus
unserem Pfahl kam. Ich fand es sehr beeindruckend, daß
er sich vor und nach seiner Ansprache unter die jungen
Leute mischte und sich mit ihnen unterhielt. Er fragte
sie nach ihrem Namen und nannte sie dann auch bei
ihrem Namen. Er gab jedem Anwesenden das Gefühl,
einbezogen zu werden und wichtig zu sein. Ich überlegte
mir, daß ich mir auf jeden Fall mehr
Mühe geben könne, wenn sich schon
ein Gastsprecher so anstrengte, sich
Namen zu merken."
Der genannte Jugendführer
setzte sich das Ziel, sich den
Namen jedes jungen Menschen in
seiner Gemeinde und mindestens
derjenigen zu merken, die er
regelmäßig auf Pfahlveranstaltungen sah. „Ich versuchte es
mit bestimmten Techniken, stellte aber fest, daß es für
mich am besten war, wenn ich die Namen in das Ringbuch
eintrug, das ich immer mit zur Kirche nehme", erklärt er.
„Wenn ich dann während der Woche einen Namen vergaß,
konnte ich schnell in meinem Ringbuch nachschauen."
Der himmlische Vater kennt uns alle beim Namen.
Als er Joseph Smith erschien, sprach er ihn mit Namen
an. (Siehe Joseph Smith - Lebensgeschichte 1:17.) Er
hat uns ein wundervolles Beispiel dafür gegeben, wie
man mit jungen Menschen umgeht.
Sprechen Sie Einladungen aus. Anrufe und
Besuchen nehmen mehr Zeit in Anspruch als die
Bekanntgabe der nächsten Aktivität vom Rednerpult
aus. Doch eine persönliche Einladung erreicht die
jungen Menschen eher und gibt ihnen das Gefühl, daß
sie erwünscht sind. Ein Mädchen namens Rosa erinnert
sich: „Obwohl ich arbeiten mußte und deshalb nicht zur
Fireside gehen konnte, fühlte ich mich doch als etwas
Besonderes, weil meine Lorbeermädchen-Beraterin sich
die Zeit genommen hatte, mich anzurufen. Da wußte ich,
daß die anderen an mich denken."
Sprechen Sie Lob aus. Wenn wir lächeln und selbst
für Kleinigkeiten verdientes Lob aussprechen, das ja so
wichtig ist, dann geben wir jungen Menschen das Gefühl,
daß sie geliebt und anerkannt werden. Solches Lob nährt
den Geist, so wie Nahrung den Körper nährt. Ein Junge
namens Matthew hat gesagt. „Ich finde es sehr schön,
wenn mich Führer für etwas loben, was ich gut gemacht
habe, sei es nun groß oder klein. Manche Menschen
meinen, man müsse darüber hinauswachsen, Lob zu
brauchen, aber ich glaube nicht, daß jemand wirklich
jemals darüber hinauswächst."
Meine Frau, Debi, hat niemals vergessen, wie sie als
Teenager von einer Leiterin für ihre Verläßlichkeit gelobt
wurde. Diese kurze Bemerkung hat sich nachhaltig auf
Debi ausgewirkt.
Es ist wichtig, daß jeder, der mit jungen Menschen
zusammenarbeitet, darauf achtet, daß er sie nicht auf
eine Art und Weise berührt, die zu Mißverständnissen
führen könnte. Dennoch darf man sich von dieser
Sorge nicht dazu verleiten lassen, so sehr auf Distanz zu
gehen, daß man das tiefverwurzelte Bedürfnis junger
Menschen nach Lob und Anerkennung nicht mehr
erfüllen kann. Ein Händedruck oder ein leichter Klaps
auf den Rücken zeigen den Jugendlichen, daß sie aner-
kannt werden, daß sie dazugehörigen und daß man
ihnen Zuneigung entgegenbringt.
DER
Hören Sie voller Respekt zu. Eine Führungskraft
kann viel bewirken, sofern sie zum Zuhören bereit ist,
wenn junge Menschen mit ihr sprechen möchten.
Jugendliche meinen oft, es sei am besten, mit einer
Führungskraft zu sprechen. Als Eider Vaughn J.
Featherstone von den Siebzigern Ratgeber in der
Präsidierenden Bischofschaft war, hat er gesagt, eine
„unparteiische" Führungskraft (also jemand außerhalb
der Familie, der auch nicht Bischof ist) könne unendlich
großen Einfluß auf junge Menschen ausüben. (Siehe A
Generation of Excellence: A Guide for Parents and Youth
Leaders, 1975, Seite 168.)
Wenn junge Menschen über das sprechen, was sie
bewegt, wollen sie in der Regel keine Weisung und
keinen Rat hören, sondern wünschen sich vielmehr
einen teilnahmsvollen Zuhörer - jemanden, der ihnen
vorurteilslos zuhört, während sie ihre Probleme darlegen.
Ein Junge namens Paul sagt: „Manchmal sind meine
Eltern und Führer zu schnell mit einem Rat bei der
Hand, wenn ich anfange, ihnen etwas aus der Schule zu
erzählen. Sie halten mir einen Vortrag und ermahnen
mich, mich von Versuchungen fernzuhalten. Dann habe
ich gar keine Lust mehr, noch mehr zu erzählen."
Natürlich kann es sein, daß wir uns gedrängt fühlen,
den Jugendlichen, die uns von ihren Sorgen erzählt
haben, unsere Ansicht darzulegen. Dies kann sehr hilf-
reich sein. Wir wollen ja auch nicht, daß unser
Schweigen so verstanden wird, als ob wir unangemes-
senes Verhalten oder eine falsche Einstellung guthießen.
Doch wenn wir meistens aufmerksam zuhören und erst
zum richtigen Zeitpunkt eine Bemerkung machen,
zeigen wir damit, daß wir dem jungen Menschen ein
wirklicher Freund sein wollen. So schaffen wir
Vertrauen, das es uns ermöglicht, weiterhin offene
Gespräche mit ihm zu führen.
Verweisen Sie auf gemeinsame Interessen. Ein
Junge bemerkte, daß sein Seminarlehrer die gleichen
Wiederholungen im Fernsehen mochte wie er. Obwohl
das nur eine Kleinigkeit war, hatten sie doch immer ein
Gesprächsthema, wenn sie sich sahen. Wenn man sich
die Mühe gibt, gemeinsame Interessen zu finden oder zu
entwickeln, kann man viel tun, um jungen Menschen
das Gefühl zu geben, dazuzugehören.
Natürlich haben wir in der Kirche hin und wieder
auch mit Menschen zu tun, mit denen wir kaum
Gemeinsamkeiten haben. In einer solchen Situation geht
man am besten so vor wie der Junge, der folgendes erzählt
hat: „Als wir in eine neue Gemeinde gezogen sind, habe ich
STERN
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festgestellt, daß die anderen Jungen andere Musik, andere
Schulfächer, andere Sportarten - einfach alles andere
mögen. Meine Mutter hatte Angst, ich könnte mich in der
Schule nun der falschen Clique anschließen, nur um
Freunde zu finden. Aber ich ging trotzdem weiter zur
Kirche - nicht der Jungen wegen, sondern Gottes wegen."
Die Mitglieder mögen zwar viele verschiedene Interessen
haben, aber alle lieben den Erretter und haben ein Zeugnis
vom wiederhergestellten Evangelium. Das eint uns.
Fördern Sie die geistige Gesinnung. Junge
Menschen sind in der Lage, geistigen Anforderungen
gerecht zu werden. Vor einigen Jahren machten die
Führer eines Pfahls mit den jungen Menschen im
Rahmen einer Jugendkonferenz einen Ausflug in einen
Freizeitpark. Im darauffolgenden Jahr probierten sie
etwas ganz anderes aus. Sie folgten dem Rat der Führer
der Kirche und beschlossen, das Hauptaugenmerk
nicht mehr auf Unterhaltung zu legen, sondern darauf,
den Jugendlichen durch die Planung von geistigen
Workshops und Dienstprojekten wahre Freude zu ermög-
lichen. Zuerst waren die jungen Leute von dieser Ände-
rung nicht sehr begeistert, doch im Lauf der Konferenz
Jugendführer, die gemeinsame Interessen mit jungen
Menschen pflegen, finden immer wieder Gelegenheit,
Ansichten und Gefühle darzulegen, die für die
Jugendlichen sehr hilfreich sein können.
fingen sie an, ihre Aktivitäten in einem anderen Licht zu
sehen. Die Zeugnisversammlung am Ende der Konferenz
verlief ganz anders als die Zeugnis Versammlung im
Jahr zuvor. Eine Führungskraft erzählt: „Damals haben
die Jugendlichen nur dagesessen und gekichert und
einander angestoßen." Dieses Mal waren sie eifrig
darauf bedacht, über die Freude zu sprechen, die sie im
Dienst für ihre Mitmenschen erlebt hatten, und zu
sagen, wie sehr sie den himmlischen Vater und Jesus
Christus liebten.
Konzentrieren Sie sich auf den Erretter. Die
Mitglieder können sich des Zugehörigkeitsgefühls
erfreuen, das die Gemeinschaft mit anderen Mitgliedern
vermittelt. - Ein ähnliches Gefühl herrscht auch in
vielen anderen Gruppen, Klubs und Organisationen.
Doch die Kirche bietet mehr als zwischenmenschliche
Anerkennung; die Mitglieder können auch ein einzigar-
tiges geistiges Zugehörigkeitsgefühl erleben. So haben wir
die Gewißheit, daß der gute Hirt seine Schafe kennt (siehe
3 Nephi 18:31) und daß wir durch Glauben und geistige
Neugeburt buchstäblich dem Erretter gehören (siehe
Mosia5:7).
Dennoch verlieren manche junge Menschen das
Gefühl der geistigen Zugehörigkeit, wenn sie nicht mehr
nach den Maßstäben der Kirche leben. Sie sagen viel-
leicht: „Ich kann nicht mehr zur Kirche gehen, das
Abendmahl nicht mehr nehmen und nicht mehr beten,
weil ich nicht würdig bin." Sonntagslektionen, Firesides
und das Gespräch mit den Eltern und dem Bischof bzw.
Zweigpräsident sowie dessen Ratgebern bieten hier die
Möglichkeit, mit jungen Menschen über die Umkehr zu
sprechen und ihren Blick auf die Segnungen des
Sühnopfers des Erretters zu lenken.
Ein junger Mann wandte sich für mehrere Jahre von
der Kirche ab. Doch schließlich kam er wieder zurück. In
einer Zeugnisversammlung sagte er: „Ich ließ mich zu
vielem verleiten, was ich besser gelassen hätte, nur um
zur Clique zu passen. Aber ich spürte immer, daß etwas
fehlte. Als ich schließlich Umkehr übte und wieder voll-
ständig in der Kirche aktiv wurde, war diese Leere
verschwunden. Ich bin wieder da, und weil Jesus
Christus vergibt und uns auf vollkommene Weise liebt,
weiß ich auch, daß ich hierher gehöre." D
JUNI 1999
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Im Bus fing alles an
Ereny Rosa A. Silva
ILLUSTRATION VON SCOTT MOODY
Wir wohnen in Tiradentes in Brasilien. 1987
sah Marcella, die älteste meiner beiden
Töchter, im Bus zwei junge Männer, von
denen jeder ein Namenschild trug. Die drei unterhielten
sich, und die Missionare fragten Marcella, ob sie gerne
mehr über die Kirche erfahren wolle.
Marcella hatte Interesse, aber sie wußte, daß ich über-
haupt nichts von den Heiligen der Letzten Tage hielt.
Deshalb ließ sie sich bei Mitgliedern zu Hause im
Evangelium unterweisen und schließlich taufen. Damals
war sie neunzehn Jahre alt. Ich ging nicht zu ihrer Taufe,
weil ich noch immer eine höchst negative Einstellung zur
Kirche hatte.
Allerdings befand ich mich damals in einer sehr
schwierigen Lebensphase. Eines Tages nahm ich mir vor,
ein paar Zeitschriften in unserem Zeitschriftenständer
durchzusehen. Darunter befanden sich auch mehrere
Ausgaben von A Liahona (portugiesisch). Was ich las,
fand ich interessant.
In der Ausgabe von Februar/März 1986 stand auch
ein Artikel über Si Peterson, einen jungen Kanadier,
der vollständig gelähmt ist (siehe Jeannie Takahashi,
„Ein typischer Heiliger der Letzten Tage und ein
einzigartiger Mensch", Der Stern, Februar 1986, Seite
21 f.). Vor allem fand ich den Glauben und das
Durchhaltevermögen von Sis Mutter sehr beein-
druckend.
Ungefähr zur selben Zeit, nämlich im Januar 1988,
bekam meine jüngste Tochter Monica eine Blinddarment-
zündung und hatte schreckliche Schmerzen. Der Arzt
sagte, sie müsse sofort operiert werden. Marcella und ich
fuhren mit ihr ins Krankenhaus und trösteten sie, so
gut wir konnten. Im Krankenhaus dachte ich an das,
was ich über den Glauben anderer Menschen in A
Liahona gelesen hatte. Vor allem mußte ich an Anita
Begienenman, Sis Mutter, denken.
Marcella und ich hielten Monica umschlugen. Wir
nahmen all unseren Glauben zusammen und beteten.
Schon bald sahen wir, wie die Farbe wieder in Monicas
Wangen zurückkehrte, und sie hörte auf zu weinen. Zu
unserem Erstaunen erklärte uns der Arzt, daß wohl eine
Fehldiagnose vorliegen müsse. Monika brauchte nicht
operiert zu werden. Glücklich und dankbar fuhren wir
drei wieder nach Hause.
Monica und ich beschlossen, uns von den
Missionaren unterweisen zu lassen. Am 19. März 1988
ließen wir uns taufen. Marcella ging später auf Mission in
die Schweiz. Inzwischen ist sie verheiratet.
Was ich in A Liahona über den Glauben anderer
Menschen gelesen habe, hat mir gezeigt, daß meine
vorige Einstellung zur Kirche falsch war, und mir die Kraft
geschenkt, eine schwere Zeit zu überstehen. In den
Jahren, die seither vergangen sind, ist mein Zeugnis durch
das Lesen dieser Zeitschrift immer fester geworden. □
DER STERN
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Die Frauen am Grab, Gemälde von William Bouguereau (1 825-1 905)
Die Frauen, die zuschauten, wie der gekreuzigte Herr in das Grab gelegt wurde, kehrten später zurück, um seinen Leib zu salben. Doch der Stein
war vom Grabeingang weggewälzt worden, und der Leichnam des Herrn lag nicht mehr dort. Da sahen sie zwei Männer in leuchtenden
Gewändern, die sagten: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden." (Siehe Lukas 23:55-24:6.)
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Kunstmuseums Antwerpen, Belgien/TPS/SuperStock
w
ir finden Kraft in der Freundschaft und
Freude in der Gewißheit, daß wir Kinder
des himmlischen Vaters und Teil seines großen
Plans des Glücklichseins sind. Wenn ein junger
Mensch dieses Gefühl aus irgendeinem Grund in
der Kirche nicht hat, dann sucht er es unter
Umständen woanders. Wie können Eltern und
Führer der Kirche dazu beitragen, daß sich junge
Menschen ihrer Gemeinde bzw. ihrem Zweig
zugehörig fühlen? Siehe "Jungen Menschen das
Gefühl geben, daß sie dazugehören", Seite 42.
GERMAN
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